[Rezension] M.W. Craven – Die Witwe (Washington Poe & Tilly Bradshaw #4)


„DS Washington Poe ist irritiert, als er wegen eines Mordes zu einem Hinterhof-Bordell in Carlisle gerufen wird: Normalerweise jagt er Serienmörder – hier scheint ein Streit mit einem Zuhälter eskaliert zu sein. Seltsam ist, dass eine kleine Keramikfigur in Gestalt einer Ratte fehlt und jemand aus dem Ermittlerteam der Dieb sein muss. Denn auf einem Foto der Spurensicherung ist die Figur eindeutig zu erkennen.

Poes Teamkollegin, die geniale Analytikerin Tilly Bradshaw erinnert sich an einen ungeklärten und etliche Jahre zurückliegenden Banküberfall, bei dem nichts entwendet wurde, stattdessen aber eine Ratten-Keramikfigur vor dem Tresor zurückgelassen wurde. Warum? Und wer steckt hier dahinter?

Als Poe und Tilly Bradshaw tiefer in die Ermittlungen eintauchen, wird der Fall immer verzwickter und plötzlich ist auch der MI5 mit von der Partie…“

Autor: M.W. Craven
Titel: Die Witwe
Reihe: Washington Poe & Tilly Bradshaw ermitteln #4
Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger
Genre: Kriminalroman
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 02. Februar 2026
Verlag: Droemer TB
Preis: 16,99€ (Paperback); 9,99€ (E-Book)

Reihenfolge:

  1. Der Zögling (Rezension)
  2. Der Gourmet (Rezension)
  3. Der Kurator (Rezension)
  4. Die Witwe
  5. Der Botaniker

Meine Meinung:

Ein brutaler Mord in einem Pop Up Bordell scheint zunächst schnell eingeordnet. Ein männliches Opfer, ein klarer Tatort, da sollte die Ermittlung doch schnell erledigt sein. Doch Washington Poe merkt früh, dass hier etwas nicht zusammenpasst. Kleine Details wirken fehl am Platz und als auch noch klar wird, dass jemand vom Team eine Keramikfigur vom Tatort entwendet hat, ist Poe davon überzeugt, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Zumal genau eine solche Figur schon mal an einem früheren Tatort aufgetaucht ist, der eigentlich gar keine Verbindung zum jetzigen Verbechen hat. Was zunächst nach einem einzelnen Gewaltverbrechen aussieht, entwickelt sich zu einer Ermittlung, die deutlich größere Kreise zieht und Poe und Tilly mal wieder zwingt, weit über das Offensichtliche hinauszudenken…

Die Reihe von M. W. Craven gehört für mich inzwischen zu den stärksten Thrillerreihen, die aktuell auf dem deutschen Markt erscheinen. Craven schreibt nicht laut, nicht reißerisch und schon gar nicht effekthascherisch, sondern durchdacht, strukturiert und mit einem sehr feinen Gespür für Timing. Seine Fälle wirken nie konstruiert, sondern immer wie Puzzles, deren Teile sich Stück für Stück offenbaren, bis am Ende alles stimmig ineinandergreift. Plotlöcher sucht man hier vergeblich.

Zwar sind die einzelnen Bände in sich abgeschlossen und jeweils eigenständige Fälle, dennoch würde ich persönlich immer empfehlen, die Bücher in Reihenfolge zu lesen. Zum einen zieht sich ein leichter roter Faden durch die Serie, zum anderen, und das ist fast noch wichtiger, entwickelt sich vor allem die Dynamik der Figuren kontinuierlich weiter. Wer mitten in der Reihe einsteigt, kann sich hier durchaus einiges an Charakterentwicklung vorwegnehmen.

Was bei mir bis heute ein kleines Fragezeichen hinterlässt, ist die damalige Entscheidung des Verlags, ausgerechnet mit einem späteren Band in die deutsche Veröffentlichung einzusteigen. Gleichzeitig war genau das bei mir der Punkt, an dem ich meine Komfortzone verlassen und einfach angefangen habe und so überhaupt erst auf diese Reihe gestoßen bin. Umso schöner ist es, dass im Anschluss die vorherigen Bände nachgereicht wurden.

Das Herzstück dieser Reihe sind, neben den Fällen selbst, ganz klar unser Dreamteam Washington Poe und Tilly Bradshaw. Poe ist kein klassischer Sympathieträger. Er ist kantig, direkt, manchmal unbequem und definitiv kein Freund von Bürokratie. Aber genau das macht ihn so greifbar. Er denkt quer, vertraut seinem Instinkt und wirkt nie wie eine glattpolierte Ermittlerfigur, sondern wie jemand, der auch mal aneckt und damit durchkommt, weil er schlicht gut in dem ist, was er tut. Tilly Bradshaw ist sein perfektes Gegenstück. Hochintelligent, analytisch, technisch brillant und sozial oft herrlich ungefiltert. Sie sagt, was sie denkt, ohne es vorher weichzuspülen und genau das sorgt regelmäßig für trockenen Humor, der nie aufgesetzt wirkt. Gleichzeitig zeigt Craven über die Bände hinweg immer wieder kleine, feine Entwicklungsschritte, die ihre Figur noch greifbarer machen. Gemeinsam sind die beiden ein Duo, das einfach funktioniert. Nicht, weil sie sich ähneln, sondern weil sie sich ergänzen. Ihre Interaktionen sind nie kitschig, nie übertrieben emotional, sondern angenehm bodenständig und glaubwürdig und genau deshalb so unterhaltsam.

Diese Reihe ist aktuell meine liebste Thrillerreihe. „Die Witwe“ reiht sich nahtlos in die bisherigen Bände ein und liefert genau das, was ich mir von einem guten Thriller wünsche. Ein Plot, der Sinn ergibt. Ein Spannungsaufbau, der nicht auf billige Schockmomente setzt. Keine überzogenen Wendungen nur um der Wendung willen. Stattdessen ein kluges Zusammenspiel aus Ermittlungsarbeit, Figurenentwicklung und einem Finale, das sich verdient anfühlt. Typisch Craven entfaltet sich die Geschichte ruhig, aber konstant spannungsgeladen. Hinweise wirken zunächst nebensächlich, fügen sich später jedoch zu einem Gesamtbild zusammen, das gleichermaßen überraschend wie logisch ist. „Die Witwe“ ist ein klug konstruierter Ermittlungsfall, der seine Stärke vor allem aus Atmosphäre, Struktur und Figurenbeobachtung zieht. Thematisch bewegt sich dieser Band stellenweise in Bereichen, die mich normalerweise nicht automatisch abholen würden. Doch Craven verpackt es geschickt und organisch in die Handlung.

Für mich sind diese Bücher inzwischen Blindkäufe. Sie ziehen ungesehen ein, weil ich weiß, dass ich bekomme, was ich suche. Intelligente Spannung, starke Figuren und das Gefühl, am Ende ein rundes Gesamtbild zu haben. Und das ist etwas, das nur sehr wenige Reihen über mehrere Bände hinweg konstant schaffen.

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