[Rezension] Till Raether – Meeresdunkel

„Es sollte der perfekte Urlaub werden, ein echter Familientrip, wie früher: Henrike, Hans, Onkel Freddy und die Zwillinge. Eine Woche ausspannen, die letzten Sommertage genießen. Vielleicht die Chance auf einen Neubeginn, weit weg vom Alltag – in der beeindruckenden Finca mit Blick über die Bucht.

Doch als sie ankommen, sind sie nicht allein: Es gab eine Doppelbuchung, noch eine weitere Familie ist angereist. Auch sie haben eine Woche Urlaub vor sich. Und weil die ganze Insel voll ist, ziehen beide Familien ins Ferienhaus ein. Die Stimmung ist gut, niemand möchte die Urlaubslaune verderben. Platz ist ja genug da.

Ganz leise bröckelt die schöne Fassade. Das Haus ist in die Jahre gekommen, der Pool längst trockengelaufen. Irgendwie scheint eine Bedrohung in der Luft zu liegen. Und ein Gewitter braut sich zusammen. Dann finden die Familien in der Finca eine Leiche. Es ist einer von ihnen.

Während draußen der Sturm wütet, bricht sich drinnen die Wahrheit Bahn. Keiner von ihnen ist zufällig hier. Jemand wollte, dass sie an genau diesem Ort zusammenkommen. Und nicht alle sind sich so fremd, wie sie vorgeben …“

Autor: Till Raether
Titel: Meeresdunkel
Genre: Thriller
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 17. April 2026
Verlag: Rowohlt
Preis: 18,00€ (Paperback); 4,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Die Ferienzeit steht an und uns verschlägt es ganz klassisch nach Mallorca. Zwei Familien reisen unabhängig voneinander in ein etwas heruntergekommenes Ferienhaus, nur um vor Ort festzustellen, dass eine Doppelbuchung vorliegt. Zähneknirschend arrangieren sie sich und teilen sich das Haus, auch wenn niemand so recht glücklich mit der Situation ist. Während sie versuchen, das Beste daraus zu machen, wird die Stimmung immer Haus immer dunkler und passend dazu zieht ein Sturm auf, der die Finca von der Außenwelt abschneidet. Die ohnehin fragile Stimmung kippt endgültig, als ein Familienmitglied tot aufgefunden wird…

Auf der einen Seite stehen Henrike und Hans, deren Ehe von Spannungen und unausgesprochenen Vorwürfen geprägt ist. Der Urlaub soll eine kleine Wiedergutmachung sein, die sich vor allem Henrike gönnen will, nachdem Hans sich scheinbar einen Fehltritt erlaubt hat. Als kleiner Puffer zwischen den Eheleuten ist außerdem auch Henrikes Bruder Freddy mitgekommen. Auf der anderen Seite haben wir Samuel und Marie, deren eigene Dynamiken und Rollenbilder ebenfalls nicht so stabil sind. Vor allem zwischen den Erwachsenen entstehen unterschwellige Reibungen, während die Kinder, allen voran Juri, eine ganz eigene Perspektive auf das Geschehen einbringen. Ein schönes Zusammenspiel aus familiären Erwartungen, unausgesprochenen Konflikten und gegenseitigen Projektionen sorgt dafür, dass irgendwie gar keiner zur Ruhe kommt und der Urlaub maximal unangenehm wird.

„Meeresdunkel“ wird uns durch drei wechselnde Perspektiven erzählt, hinzu kommt außerdem ein recht umfassender Rückblick in die 90er Jahre. Diese Rückblenden bleiben lange in ihrer Verbindung zur Gegenwart unklar, was zwar Spannung aufbauen soll, für mich aber eher zusätzliche Distanz geschaffen hat. Auch insgesamt arbeitet der Roman mit einer Erzählweise, die immer wieder zwischen Nähe und Distanz schwankt. Mal ist man sehr nah an den Gedanken und Gefühlen der Figuren, dann wieder wirkt das Geschehen beinahe beobachtend und kommentierend. Für mich hat genau dieses Wechselspiel den Einstieg und auch das weitere Lesen deutlich erschwert, weil sich kein stabiler Zugang zu den Figuren eingestellt hat. Besonders die Perspektive des jungen Juri hat für mich nicht funktioniert, seine Stimme wirkte auffallend erwachsen und hat mich dadurch eher aus der Geschichte herausgeholt. Insgesamt blieben mir die Figuren dadurch emotional sehr fern. Sympathie oder Mitgefühl wollten sich nicht einstellen, obwohl die Themen des Buches das eigentlich hergeben würden.

Was die Handlung betrifft, fand ich die Grundidee und die Ausgangssituation sehr reizvoll. Der Thriller beginnt vielversprechend und baut eine interessante Atmosphäre auf, verliert für mein Empfinden im Verlauf jedoch etwas an Klarheit. Einige Entwicklungen wirkten auf mich eher konstruiert. Zusammen mit der insgesamt als sperrig empfundenen Erzählweise hat das dazu geführt, dass sich das Buch für mich nicht wirklich „flüssig“ lesen ließ.

Umso bedauerlicher ist es, dass mich „Meeresdunkel“ trotz seiner starken Prämisse nicht erreichen konnte, denn die Ausgangsidee, das Setting und auch die thematische Anlage hätten großes Potenzial gehabt. Ich wollte dieses Buch wirklich mögen, habe aber keinen Zugang gefunden. Gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, dass der Roman Leserinnen findet, die gerade diese besondere Erzählweise und die distanziertere Figurenzeichnung zu schätzen wissen. Für mich persönlich hat es jedoch nicht funktioniert.

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