[Rezension] David Sodergren – The Haar

„Muriel McAuley hat ihr gesamtes Leben im abgelegenen Fischerdorf Witchaven verbracht. Hier, an der rauen schottischen Küste, wurde sie geboren und hier will sie auch sterben.
Doch als ein skrupelloser Investor das Dorf aufkaufen und die Bewohner vertreiben will, scheint das Ende ihrer Heimat besiegelt.
Bis der Nebel kommt.
The Haar.
Dicht und lautlos kriecht der eisige Meeresnebel heran. Für manche bringt er Erlösung, für andere Wahnsinn und Tod.
Und für Muriel hält der Haar ein besonderes Geschenk bereit.“

Autor: David Sondergren
Titel: The Haar – Der Nebel vor Witchaven
Übersetzung: Andreas Decker
Genre: Horror
Seitenzahl: 256
Erscheinungsdatum: 19. August 2026
Verlag: Festa
Preis: 16,99€ (Taschenbuch); 5,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Muriel McAuley hat schon immer im ruhigen schottischen Dorf Witchaven gelebt, direkt an der Küste. An der rauen See ist sie einfach zu Hause und hier möchte sie auch ihren Lebensabend verbringen. Doch Investoren haben das Dorf als idealen Platz auserkoren und beinahe das gesamte Dorf aufgekauft und seine Bewohner vertrieben. Muriel ist eine der letzten, die den Geldangeboten bisher getrotzt hat, doch so langsam wird der Druck erhöht. Und dann kommt der Haar, ein dichter Meeresnebel, der Witchaven heimsucht und alles verändert.

Für den Spuktober habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht und dabei bin ich auf diese Neuerscheinung aus dem Festa Verlag gestoßen. Das Cover fand ich stimmungsvoll und nachdem ich den Klappentext kurz überflogen hatte, war ich ziemlich sicher, dass mich hier eine klassische Horrorgeschichte rund um einen unheimlichen Nebel erwartet. Tja, weit gefehlt. Und das meine ich im absolut positiven Sinne.

David Sodergren hat hier eine Geschichte geschrieben, die so viele unterschiedliche Facetten mitbringt, dass ich anfangs gar nicht gedacht hätte, dass sich das alles zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen lässt. Wir bekommen es mit Gore und Body Horror zu tun, mit blutigen und teilweise wirklich abartigen Szenen, bei denen ich mich mehr als einmal gefragt habe, was ich da gerade eigentlich lese. Der Autor beschönigt nichts und hält sich mit seinen Beschreibungen ganz sicher nicht zurück. Wer bei solchen Szenen empfindlich ist, sollte sich also darauf einstellen, dass es hier mitunter ziemlich heftig wird.

Gleichzeitig steckt in diesem Buch aber auch eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik. Es geht darum, wie Menschen miteinander umgehen, wie weit manche bereit sind zu gehen, wenn es um ihre eigenen Interessen geht, und wie unfassbar bodenlos Menschen sich anderen gegenüber verhalten können. Das hat mich an einigen Stellen wirklich wütend gemacht, das Leben kann so unfair sein. Und dann gibt es da tatsächlich auch noch eine ganz zarte, romantische Seite im Buch, die ich so überhaupt nicht erwartet hätte. Normalerweise hätte ich bei einem Buch wie diesem nicht unbedingt damit gerechnet, dass es mich so berührt. Hier hat es für mich aber wunderbar funktioniert und sich überhaupt nicht deplatziert angefühlt.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Hauptfigur. Wir begleiten größtenteils Muriel, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, auch wenn es zwischendurch kleinere andere Einschübe gibt. Muriel ist eine ältere Frau, die ich auf Anhieb ins Herz geschlossen habe. Ich habe richtig mit ihr mitgefiebert und war emotional ganz nah bei ihr und diese emotionale Tiefe habe ich wirklich nicht erwartet. Muriel gehört für mich definitiv zu den Figuren, die mir noch länger im Gedächtnis bleiben werden. Allein schon deshalb, weil man eine ältere Frau in so einer Rolle nicht oft findet.

Ich möchte eigentlich gar nicht viel mehr über die Geschichte erzählen, denn ich glaube, dass man dieses Buch möglichst unvoreingenommen lesen sollte. Auch ich bin relativ blind hineingegangen und würde das genauso wieder machen. Vielleicht sollte man sich nur darüber im klaren sein, dass es zeitweise echt explizit werden kann, aber ich denke damit sollte man beim Festa Verlag rechnen. Ich fand, dass die unterschiedlichen Elemente stimmig ineinander greifen und so eine Geschichte ergeben, die mich überrascht, stellenweise fassungslos gemacht und gleichzeitig emotional berührt hat. Und das ist echt eine seltene Kombi.

Mit „The Haar“ habe ich genau die Art von Überraschung erlebt, die ich oft beim Lesen suche. Ich hatte eine bestimmte Vorstellung davon, was mich erwartet, und bekommen habe ich etwas völlig anderes. Heftiger Horror wird mit Gesellschaftskritik verbunden und dazu eine unerwartet gefühlvolle Seite. Ja, manches ist wirklich eklig und nicht jede Szene dürfte jedem behagen. Aber gerade diese Mischung hat das Buch für mich so besonders gemacht. Vor allem Muriel wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die sich auf eine ungewöhnliche Horrorgeschichte einlassen möchten und auch vor expliziten Szenen nicht zurückschrecken.

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