[Rezension] Thomas Knüwer – Giftiger Grund

„Für Joran, frisch aus dem Jugendknast entlassen, werden die ersten Tage in Freiheit zum Desaster: Sein Vater erpresst ihn und auf Jobsuche wird er erniedrigt und schikaniert. Verzweifelt schleicht er schließlich nachts zu der Tankstelle, die er vor sieben Jahren überfallen hat. Seine letzte Hoffnung ist die Beute, die er vor seiner Festnahme in einem Kanalschacht verstecken konnte.
Die Tankstelle ist längst verlassen – ein Lost Place – doch statt der Beute findet Joran im Schacht eine Leiche: Aras, sein damaliger Freund und Komplize. Ist der Dritte im Bunde sein Mörder?
Entsetzt merkt Joran, dass er nicht allein ist auf dem heruntergekommenen Gelände. Da ist Edda, ein kleines Mädchen im Schlafanzug. Und Charu, die sich als Fotografin von Lost Places einen Namen machen will. Der Tote im Schacht wird für alle drei zu einer schicksalhaften Verbindung.“
Autor: Thomas Knüwer
Titel: Giftiger Grund
Genre: Kriminalroman
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 02. März 2026
Verlag: Droemer
Preis: 18,00€ (Paperback); 12,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Mit “Giftiger Grund” entführt Thomas Knüwer seine Leser in eine Gegend, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Zwischen verlassenen Industriebauten, überwucherten Grundstücken und einer Atmosphäre aus Stillstand und Verfall stoßen drei Menschen aufeinander, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten und doch mehr miteinander verbindet, als ihnen zunächst bewusst ist.
Mit „Giftiger Grund” legt Thomas Knüwer seinen zweiten Roman vor. Sein Debüt wurde direkt mit dem Deutscher Krimipreis ausgezeichnet, eine Auszeichnung, die zeigt, dass der Autor sein Handwerk versteht. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung an seinen zweiten Roman, denn die Messlatte liegt nach einem solchen Einstieg naturgemäß ziemlich hoch.
Im Zentrum der Geschichte steht Joran, der nach sieben Jahren Haft wieder in die Freiheit entlassen wird. Der Wiedereinstieg ins Leben draußen gestaltet sich für ihn alles andere als einfach. Zwar ist er motiviert, sein Leben neu zu ordnen, doch immer wieder stößt er an Grenzen, manchmal durch äußere Umstände, manchmal auch durch eigene Entscheidungen, die nicht immer die klügsten sind. Trotzdem spürt man seinen Willen, es diesmal besser zu machen. Charu bildet dazu einen spannenden Gegenpol. Sie betreibt einen Kanal über Lost Places und inszeniert diese verlassenen Orte mit ihrer auffälligen Glitzerkatze als Markenzeichen. Besonders interessant ist dabei nicht nur ihre Persönlichkeit, sondern auch der Einblick in diese Szene selbst. Recherche, Technik, Inszenierung – all das wird sehr anschaulich eingeflochten und gibt der Geschichte eine zusätzliche Facette. Mit Kamera und Gespür für Atmosphäre macht sie Orte sichtbar, die längst von der Welt vergessen wurden. Doch auch hinter ihrer Faszination für diese verlassenen Plätze verbirgt sich mehr, als man zunächst ahnt. Im Verlauf der Handlung kommt mit Edda noch eine dritte Figur ins Spiel, die nochmal eine gänzliche andere Storyline mitreinbringt.
Als sich die Wege von ihnen kreuzen, wird schnell klar, dass dieser Ort nicht nur Geschichten aus der Vergangenheit erzählt. Auf dem verlassenen Tankstellengelände wird eine Leiche gefunden und damit wird deutlich, dass nicht nur der Boden giftig ist.
„Giftiger Grund” ist mehr als nur ein klassischer Kriminalfall. Der Titel erweist sich als erstaunlich treffend, denn die Umgebung, in der sich die Geschichte abspielt, trägt eine spürbare Schwere in sich. Verlassene Orte, wirtschaftlicher Niedergang und eine gewisse Perspektivlosigkeit prägen die Atmosphäre. Diese Trostlosigkeit spiegelt sich auch in den Figuren wider. Sowohl Joran als auch Charu kämpfen auf ihre Weise mit ihrem Platz im Leben. Der Roman vermittelt dabei sehr eindringlich das Gefühl, dass bestimmte Gruppen in der Gesellschaft kaum Chancen bekommen, sich wirklich aus ihren Umständen zu befreien. Statt moralischer Belehrung entsteht so ein realistisches Bild von Menschen, die versuchen, in schwierigen Lebenssituationen ihren Weg zu finden. Trotz dieser eher düsteren Grundstimmung wirkt der Roman nicht erdrückend. Vielmehr passt die Melancholie perfekt zur Geschichte und zu dem, was der Autor erzählen möchte.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Die Handlung bleibt zwar konsequent in der Gegenwart, doch die Kapitel springen zwischen den verschiedenen Figuren hin und her. Dadurch entsteht ein sehr dynamischer Lesefluss, denn jede Perspektive bringt neue Informationen und Blickwinkel mit sich. Dieser Aufbau sorgt dafür, dass sich die Spannung stetig steigert. Die einzelnen Handlungsstränge greifen immer stärker ineinander, bis sie schließlich zusammenlaufen.
Ich muss zugeben, dass ich bei klassischen Krimis, gerade abseits der großen Namen, manchmal etwas skeptisch bin. Häufig fehlt mir dann ein wenig der Thrill, den ich bei Thrillern so sehr liebe. „Giftiger Grund” von Thomas Knüwer hat mich hier allerdings absolut positiv überrascht. Die Geschichte entwickelt einen starken Sog, die Figuren wirken glaubwürdig und die Atmosphäre ist außergewöhnlich dicht. Dazu kommt ein flottes Tempo, ohne spürbare Längen. Für mich ein gelungener Krimi mit echter Spannung, einer starken Idee und einer sehr gelungenen Umsetzung. Damit hat der Autor es definitiv geschafft, bei mir auf dem Radar zu landen.
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