[Rezension] Mary Kubica – The Other Mrs.

„Sadie und Will Foust haben ihr hektisches Leben in Chicago hinter sich gelassen, um mit ihren Kindern auf eine abgelegene Insel vor der Küste Maines zu ziehen. Doch kaum haben sie sich eingelebt, wird ihre Nachbarin Morgan Baines in ihrem Haus brutal ermordet aufgefunden.
Die Tat erschüttert die kleine Inselgemeinschaft, und niemand ist mehr beunruhigt als Sadie selbst. Denn irgendetwas an Morgans Tod lässt sie nicht los. Als Gerüchte über die „neuen Leute aus der Stadt“ die Runde machen, beginnt Sadie selbst zu zweifeln: an den Nachbarn, an ihrer Familie und schließlich an sich.
Denn je mehr sie nachforscht, umso dunkler werden die Geheimnisse über Mrs. Baines, und bald begreift Sadie, dass sie alles verlieren könnte, wenn die Wahrheit über jene Nacht ans Licht kommt …“
Autorin: Mary Kubica
Titel: The Other Mrs.
Übersetzung: Anja Mehrmann
Genre: Thriller
Seitenzahl: 472
Erscheinungsdatum: 01. März 2026
Verlag: Aufbau Digital
Preis: 10,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Mit „The Other Mrs.“ entführt uns Mary Kubica erneut in eine Geschichte voller Geheimnisse, Misstrauen und psychologischer Abgründe. Ausgangspunkt ist ein Neuanfang, der sich jedoch schnell als trügerisch entpuppt.
Im Mittelpunkt steht Sadie Foust, eine Notärztin aus Chicago, die gemeinsam mit ihrem Mann Will und ihren beiden Söhnen Otto und Tate auf eine kleine Insel vor der Küste von Maine zieht. Der Umzug kommt nicht von ungefähr. Hinter der Familie liegt eine schwierige Zeit – Wills Affäre hat die Ehe schwer belastet, berufliche Probleme haben Sadies Karriere erschüttert und auch einer der Söhne hatte zuletzt mit Problemen in der Schule zu kämpfen. Der Ortswechsel soll einen Neuanfang ermöglichen. Anlass dafür ist der Tod von Wills Schwester Alice, die sich das Leben genommen hat. Die Familie erbt ihr Haus auf der Insel und übernimmt zugleich die Vormundschaft für Alices sechzehnjährige Tochter Imogen.
Doch der Start in das neue Leben verläuft alles andere als harmonisch. Imogen ist tief traumatisiert, nachdem sie ihre Mutter tot aufgefunden hat, und begegnet ihrer neuen Familie mit offener Feindseligkeit. Auch das alte Haus wirkt von Anfang an unheimlich und fremd. Die kleine Inselgemeinschaft beobachtet die Neuankömmlinge skeptisch, und Sadie fühlt sich einfach nicht wohl auf der kleinen Insel. Als kurz nach ihrer Ankunft auch noch eine Nachbarin brutal ermordet wird, gerät das ohnehin angespannte Gefüge endgültig ins Wanken. Die Polizei beginnt zu ermitteln, und plötzlich stehen die Neuankömmlinge im Fokus…
Das Buch wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Den größten Teil begleiten wir Sadie selbst, deren Wahrnehmung jedoch nicht immer zuverlässig ist. Immer wieder erlebt sie Erinnerungslücken, ganze Stunden scheinen aus ihrem Gedächtnis verschwunden zu sein. Während sie das selbst meist eher beiläufig kommentiert, wird schnell klar, dass dieses Stilmittel bewusst eingesetzt wird und eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt.
Neben Sadies Perspektive gibt es zwei weitere Erzählebenen. Zum einen lernen wir Camille kennen, eine junge Frau aus der Vergangenheit von Sadie und Will, die eine obsessive Fixierung auf die Familie entwickelt hat. Ihre Kapitel vermitteln ein zunehmend beunruhigendes Bild von Eifersucht und Besessenheit. Die dritte Stimme gehört Mouse, einem offensichtlich kleinen Mädchen, das von belastenden Erlebnissen innerhalb seiner Familie erzählt. Lange bleibt unklar, welche Verbindung diese Perspektive zur eigentlichen Handlung hat, während sich bei Camille zumindest einzelne Berührungspunkte mit Sadies Leben erkennen lassen.
Ich muss ehrlich sagen, dass mir dieser Roman nicht ganz so gut gefallen hat wie andere Bücher der Autorin. Dabei liest sich das Buch grundsätzlich sehr flüssig und zugänglich. Die Perspektivwechsel sorgen immer wieder für Abwechslung und treiben die Handlung voran. Auch das Setting hat mir gut gefallen. Eine abgelegene Insel, eine kleine Gemeinschaft, ein Haus, das von Anfang an ein ungutes Gefühl auslöst, und eine Familie, die mit reichlich Altlasten in diesen vermeintlichen Neuanfang startet.
Allerdings bin ich mit der Hauptfigur Sadie nie richtig warm geworden. Grundsätzlich habe ich kein Problem mit unsympathischen Protagonistinnen, im Gegenteil, gerade im Thrillerbereich kann das sehr spannend sein. Hier hatte ich jedoch oft das Gefühl, dass ihre negativen Eigenschaften besonders stark betont werden, und dass ich keinen Zugang zu ihr finde. Gleichzeitig spielt das Stilmittel der unzuverlässigen Erzählerin eine große Rolle. Das kann sehr wirkungsvoll sein, wenn es gut in die Geschichte eingebettet ist. In diesem Fall empfand ich es stellenweise eher als anstrengend und nicht immer ganz passend.
Die Geschichte selbst ist insgesamt solide konstruiert und spitzt sich nach und nach zu. Dennoch war einiges für mich recht früh vorhersehbar. Vielleicht nicht für jede Leserin, aber für viele dürfte sich das zentrale Thema recht schnell abzeichnen. Dadurch fehlte mir am Ende ein wenig die große Überraschung.
Alles in allem ist „The Other Mrs.“ ein gut lesbarer psychologischer Thriller mit interessantem Setting und mehreren Perspektiven. Für mich persönlich gehört er jedoch nicht zu den stärksten Büchern von Mary Kubica. Gerade weil mir ihre letzten beiden Romane so gut gefallen haben, waren meine Erwartungen vielleicht auch besonders hoch. Ich hoffe sehr, dass ihr nächstes Buch wieder stärker an diese anknüpfen kann.
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