[Rezension] Naomi Williams – Station 9

„Blutüberströmt wird Laura Winters mitten in London auf der Straße gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass das Blut nicht ihres ist – und dass Laura keinerlei Erinnerung daran hat, was passiert ist. Die Trauma-Expertin Emma Best wird mit dem mysteriösen Fall beauftragt. Laura erzählt freimütig von ihrem wunderbaren Freund, der in ihrer Darstellung allerdings zu gut erscheint, um wahr zu sein. Überhaupt fragt sich Emma, ob Laura nicht ein dunkles Geheimnis verbirgt. Je mehr Laura ins Detail geht, desto beunruhigter ist Emma. Denn der Mann, den ihre Patientin als ihren Freund beschreibt, hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit Emmas Ehemann. Als dieser von einer Geschäftsreise nicht zurückkehrt, hat Emma einen grauenvollen Verdacht: Hat Laura ihren Mann ermordet?“

Autorin: Naomi Williams
Titel: Station 9
Übersetzung: Andrea Brandl
Genre: Psychothriller
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 18. März 2026 (Paperback), 01. März 2026 (E-Book)
Verlag: Goldmann
Preis: 14,00€ (Paperback); 4,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

In einer psychiatrischen Einrichtung übernimmt die Therapeutin Emma den ungewöhnlich spezifischen Auftrag mit genau einer einzigen Patientin zu arbeiten. Einer Frau, die ausdrücklich nach ihr verlangt hat und die zuvor blutüberströmt auf der Straße gefunden wurde. Für die Dauer ihrer Arbeit soll Emma direkt auf dem Klinikgelände wohnen, abgeschottet von ihrem gewohnten Umfeld. Warum hat die Patientin direkt sie verlangt und warum ist ihr Verhalten ebenso rätselhaft wie beunruhigend? Auch das Personal hält sich auffallend bedeckt, sodass Emma zunehmend das Gefühl bekommt, nur einen sehr begrenzten Einblick in das tatsächliche Geschehen vor Ort zu erhalten. Während sie versucht, eine therapeutische Basis aufzubauen, häufen sich kleine Unstimmigkeiten, Beobachtungen und unterschwellige Spannungen. Mit jedem weiteren Tag wird deutlicher, dass Emmas Anwesenheit kein Zufall ist…

Emma selbst ist eine reflektierte und engagierte Therapeutin, die ihre Arbeit ernst nimmt und ihrer Patientin mit viel Empathie begegnet. Gleichzeitig merkt man schnell, dass sie sich der Wirkung dieser besonderen Situation nicht entziehen kann. Die Isolation, die fehlende Transparenz und die spürbare Distanz des Umfelds beginnen, an ihr zu nagen. Sie hinterfragt zunehmend nicht nur das Verhalten ihrer Patientin, sondern auch ihre eigene Wahrnehmung. Gerade dieser innere Konflikt macht sie als Figur sehr greifbar und sorgt dafür, dass man sich eng an ihre Gedankenwelt gebunden fühlt.

Besonders hervorzuheben ist das Setting. Die psychiatrische Einrichtung wird äußerst detailliert beschrieben, sodass man sich die Räume, Flure und abgeschlossenen Bereiche lebhaft vorstellen kann. Die Atmosphäre ist von Beginn an dicht und entwickelt schnell eine beklemmende Wirkung. Die verschlossenen Türen, die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und das Gefühl, nicht einfach gehen zu können, wirken sich unmittelbar auf Emma aus. Obwohl sie weiß, dass sie die Einrichtung theoretisch jederzeit verlassen könnte, entsteht dieses unterschwellige Gefühl des Ausgeliefertseins, das sich auch beim Lesen deutlich überträgt.

Erzählerisch arbeitet die Geschichte mit zwei Ebenen, die sich gegenseitig ergänzen und die Spannung gezielt aufbauen. Zum einen folgt man Emma im Gegenwartsstrang und erlebt die Geschehnisse ausschließlich aus ihrer Perspektive, sehr nah und unmittelbar. Zum anderen gibt es immer wieder eingeschobene Kapitel aus der Vergangenheit, die aus der Sicht einer zunächst unbekannten Person erzählt werden. Gerade dieses Nicht-Wissen darüber, wer hier eigentlich spricht, macht den Reiz aus und lädt zum Miträtseln ein. Die Puzzleteile fügen sich nach und nach zusammen, ohne dass die Autorin zu früh zu viel preisgibt.

Mit jeder Seite steigert sich die unterschwellige Unruhe. Es sind weniger große Wendungen als vielmehr kleine, irritierende Details, die das Gefühl verstärken, dass hier etwas nicht stimmt. Diese subtile Art des Spannungsaufbaus funktioniert sehr gut und trägt die Geschichte konstant.

Als Vielleserin im Thriller- und Psychothrillerbereich merkt man möglicherweise recht früh, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt. Auch wenn die Auflösung schlüssig ist, ist die Grundidee nicht vollkommen neu, sodass sich einige Entwicklungen bereits erahnen lassen. Das nimmt der Geschichte zwar nicht ihren Reiz, schwächt aber den Überraschungseffekt ein wenig ab.

Das Ende fügt sich grundsätzlich gut in die düstere und beklemmende Stimmung ein, hinterlässt jedoch für mich persönlich ein leicht unbefriedigendes Gefühl. Insgesamt ist „Station 9“ ein atmosphärisch dichter Psychothriller, der vor allem durch sein intensives Setting und die stetig wachsende Spannung überzeugt.

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