[Rezension] Amy Tintera – All Your Pretty Lies


„Vor fünf Jahren wurde Lucy nachts auf einer einsamen Landstraße in Texas aufgegriffen – ohne jede Erinnerung an die letzten Stunden und mit dem Blut ihrer besten Freundin Savvy an ihrem Sommerkleid. Fünf Jahre, in denen sie verzweifelt versucht hat, sich daran zu erinnern, ob sie Savvy umgebracht hat. Fünf Jahre, in denen alle sie für die Mörderin halten, auch wenn es keinerlei Beweise dafür gibt. Als ein erfolgreicher True-Crime-Podcast den Fall jetzt wieder aufnimmt, wird Lucy, die sich weit weg von ihrer kleinen Heimatstadt ein neues Leben aufgebaut hat, ins grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt – und mit ihr die Wahrheit darüber, was in jener verhängnisvollen Nacht geschehen ist. Kann Lucy die Wahrheit wirklich ertragen? Und was, wenn die Wahrheit noch gefährlicher ist, als sie es sich je vorgestellt hat?“

Autorin: Amy Tintera
Titel: All Your Pretty Lies
Übersetzung: Larissa Bendl
Genre: Thriller
Seitenzahl: 448
Erscheinungsdatum: 18. März 2026 (Paperback), 01. März 2026 (E-Book)
Verlag: Penguin
Preis: 16,00€ (Paperback); 4,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Lucys Leben wurde an einem einzigen Tag unwiderruflich verändert. Damals endete eine Hochzeit in ihrer Heimatstadt tragisch, ein Mord erschütterte die gesamte Gemeinde und Lucy verließ kurz darauf den Ort, den sie einmal ihr Zuhause genannt hatte. Obwohl der Mord nie aufgeklärt wurde, hielten alle Bewohner Lucy für schuldig. Niemand hat je wirklich vergessen, was damals passiert ist. Außer Lucy, denn die erinnert an gar nichts aus besagter Nacht.

Jetzt kehrt sie zurück in die Kleinstadt Plumpton. Eigentlich nur, um den Geburtstag ihrer Großmutter zu feiern. Doch kaum ist sie wieder da, beginnen auch die alten Fragen erneut zu kreisen. Was geschah damals wirklich? War Lucy wirklich nur eine Zeugin oder wusste sie mehr, als sie jemals zugegeben hat? Während ein True Crime Podcast den damaligen Mordfall neu aufrollt und sich immer mehr Menschen wieder für die Geschichte interessieren, wird Lucy gezwungen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Amy Tintera ist im englischsprachigen Raum bereits durch ihre zahlreichen Jugendbücher bekannt. Mit „All Her Pretty Lies“ legt sie jedoch erstmals einen Thriller für ein erwachsenes Publikum vor.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Lucy, eine Protagonistin, die von Anfang an eine gewisse Distanz wahrt. Sie wirkt oft kühl, manchmal fast unnahbar und lässt andere Menschen nur schwer an sich heran. Gleichzeitig merkt man schnell, dass die Ereignisse von damals tiefe Spuren hinterlassen haben. Die Lucy von heute ist nicht mehr das Mädchen von früher, und genau diese Veränderung wird im Verlauf der Geschichte immer greifbarer. Und obwohl Lucy gewollt eher abgestumpft dargestellt wird, transportiert sie doch eine ganze Menge. Interessant ist außerdem ein erzählerisches Element, das immer wieder auftaucht. Lucy führt gewissermaßen innere Gespräche mit ihrer ehemaligen Freundin Savvy, der Ermordeten. Diese Stimme begleitet sie ständig, kommentiert Situationen, gibt sarkastische Einwürfe und lässt sich nur schwer abschütteln. Diese Passagen bringen überraschend viel Humor in die Geschichte und sorgen immer wieder für wunderbar bissige, manchmal sogar richtig witzige Momente.

Eine weitere wichtige Rolle spielt Ben Owens, der den True Crime Podcast moderiert, der sich mit dem alten Mordfall beschäftigt. Durch seine Recherchen geraten längst vergessene Details wieder ins Licht und er bringt Bewegung in eine Geschichte, die viele in Plumpton eigentlich lieber ruhen lassen würden. Gleichzeitig sorgt seine Perspektive dafür, dass sich der Blick auf die damaligen Ereignisse immer wieder verschiebt.

Ein großer Teil der Atmosphäre entsteht durch das Kleinstadt Setting. Plumpton ist ein Ort, an dem jeder jeden kennt und an dem Erinnerungen lange nachwirken. Alteingesessene Familien, gemeinsame Vergangenheit und ein dichtes Netz aus Beziehungen sorgen dafür, dass man der eigenen Geschichte kaum entkommen kann. Genau dieses Umfeld macht den Fall so besonders spannend, denn ständig trifft Lucy auf Menschen, die sie noch von früher kennen. Manche waren damals selbst bei der Hochzeit, andere haben zumindest ihre ganz eigene Version der Ereignisse im Kopf. In einer anonymen Großstadt würde diese Geschichte so kaum funktionieren. Hier dagegen entsteht genau dadurch eine ganz eigene, fast klaustrophobische Spannung.

Erzählt wird die Handlung aus Lucys Perspektive, unterbrochen von Auszügen aus dem Podcast, der den Mordfall aufarbeitet. Dieser Wechsel funktioniert erstaunlich gut. Die Podcast Passagen wirken nie wie ein aufgesetztes modernes Element, sondern fügen sich ganz natürlich in die Handlung ein. Gegenwart und Podcast Recherche greifen immer wieder ineinander und treiben die Geschichte gemeinsam voran.

Trotz der teilweise düsteren Thematik entwickelt der Thriller eine enorme Sogwirkung. Man möchte unbedingt wissen, was damals wirklich passiert ist. Dabei lockert trockener, oft schwarzer Humor die Handlung immer wieder auf. Sarkastische Kommentare, schräge Situationen und pointierte Dialoge sorgen dafür, dass das Buch trotz aller Spannung auch großen Unterhaltungswert hat.

Ein echtes Highlight unter den Nebenfiguren ist außerdem Lucys Großmutter, die mit ihrer direkten Art gefühlt jedem anderen Charakter die Show stiehlt. Die Dynamik zwischen den Figuren, besonders auch zwischen Lucy und den Menschen aus ihrer Vergangenheit, ist sehr fein gezeichnet. Man spürt, wie sich Beziehungen über die Jahre verändert haben und wie alte Verbindungen langsam bröckeln oder ganz neue Seiten zeigen.

Auf die deutsche Veröffentlichung von „All Her Pretty Lies“ habe ich lange gewartet, nachdem mir das Buch im englischsprachigen Raum immer wieder als Thriller Empfehlung begegnet ist. Umso schöner, dass der Penguin Verlag den Roman nun endlich auch auf Deutsch veröffentlicht hat. Und ich muss sagen, die vielen Empfehlungen hatten absolut recht.

Ein spannender, atmosphärischer Thriller mit einem großartigen Kleinstadt Setting, einer ungewöhnlichen Hauptfigur und einem sehr gelungen eingebauten Podcast Element. Für mich ein rundum überzeugendes Gesamtpaket. Ich hoffe, wir können bald noch mehr von der Autorin lesen.

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