[Rezension] Romy Fölck – Fünf Fremde
„Die Wellen peitschen gegen die Fähre, als fünf Passagiere an einem stürmischen Oktobertag die Insel Neuwerk in der Nordsee erreichen. Für vier von ihnen ist es die Rückkehr an einen Ort, der dunkle Erinnerungen wachruft. An einen Sommer vor dreißig Jahren, in dem zwei Teenager spurlos aus dem Schullandheim verschwanden. Auch damals waren die vier auf Neuwerk – und eine Frage hat sie seither nie mehr losgelassen: Was geschah in jenem verhängnisvollen Sommer wirklich? Als ein Orkan aufzieht und niemand die Insel verlassen kann, drängen lang gehütete Geheimnisse an die Oberfläche. Denn es gibt jemanden, der die Antwort kennt. Und der nicht eher ruht, bis eine alte Schuld endlich gesühnt wird …“
Autorin: Romy Fölck
Titel: Fünf Fremde
Genre: Thriller
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 02. März 2026
Verlag: Lübbe
Preis: 22,00€ (Hardcover); 12,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
In „Fünf Fremde“ von Romy Fölck treffen im Jahr 2025 fünf Menschen auf der abgelegenen Nordseeinsel Neuwerk aufeinander. Was sie jeweils dorthin geführt hat, scheint zunächst individuell und unabhängig voneinander zu sein. Doch schnell wird deutlich, dass dieses Zusammentreffen kein Zufall ist. Zwischen vorsichtiger Höflichkeit und wachsendem Misstrauen entsteht eine angespannte Atmosphäre, die sich mit dem aufziehenden Sturm über der Insel immer weiter verdichtet.
Parallel dazu führt der Roman zurück ins Jahr 1995. Während eines Aufenthalts in einem Landschulheim verschwinden zwei Jugendliche über Nacht. Das Mädchen taucht später wieder auf, verstört und schweigsam. Der Junge jedoch bleibt spurlos verschwunden. Der Fall wird nie vollständig aufgeklärt, viele Fragen bleiben offen.
Mit zunehmendem Verlauf verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart immer enger. Die Ereignisse von damals werfen lange Schatten bis ins Jahr 2025 und während der Sturm die Insel zunehmend von der Außenwelt abschneidet, wird klar, dass mindestens einer der Anwesenden eine direkte Verbindung zu jener Nacht vor dreißig Jahren hat.
Im Zentrum stehen fünf sehr unterschiedliche Figuren, die aus wechselnden Perspektiven begleitet werden. Jede bringt ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Geheimnisse mit. Besonders gelungen ist, wie sich die Dynamik zwischen ihnen entwickelt. Sympathien verschieben sich, Misstrauen wächst, alte Schuldgefühle brechen auf.
Was mir hier gut gefallen hat, ist die psychologische Ausrichtung des Romans. Es geht weniger um spektakuläre Wendungen als vielmehr darum, wie Menschen mit Schuld, Verdrängung und traumatischen Erlebnissen umgehen. Jede der Beteiligten hat ihren ganz eigenen Weg gefunden, mit den Geschehnissen von 1995 zu leben. Gerade dieses unterschiedliche Umgehen mit der Vergangenheit verleiht den Figuren Tiefe.
Der Thriller arbeitet mit zwei klar voneinander getrennten Zeitebenen. Der Wechsel zwischen 1995 und 2025 ist deutlich gekennzeichnet, sowohl durch Kapitelüberschriften als auch durch die jeweilige Perspektive. Zu keinem Zeitpunkt entsteht Verwirrung darüber, wer spricht oder in welcher Zeitlinie man sich befindet. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Die Perspektivwechsel sind klug gesetzt. Immer dann, wenn es besonders spannend wird, springt die Handlung zu einer anderen Figur. Dadurch entsteht ein starker Lesesog. Man möchte ständig wissen, wie es weitergeht, und wird regelrecht durch die Kapitel getragen.
Ein ganz zentraler Bestandteil des Romans ist das Setting auf Neuwerk. Die Insel ist nicht nur Kulisse, sondern das Herzstück der Geschichte. Die abgeschiedene Lage mitten im Wattenmeer, die abenteuerliche Anreise, die Abhängigkeit von Wetter und Gezeiten, all das schafft eine besondere Atmosphäre. Der aufziehende Sturm verstärkt dieses Gefühl von Isolation und Bedrohung zusätzlich.
Allerdings war für mich nicht immer ganz stringent, was unter diesen Sturm-Bedingungen nun möglich ist und was nicht. An manchen Stellen bewegen sich die Figuren relativ selbstverständlich über die Insel, während es wenig später wieder als zu gefährlich dargestellt wird. Das wirkte nicht durchgehend konsequent.
„Fünf Fremde“ ist für mich ein eher ruhiger Thriller. Die Spannung entsteht weniger durch Action oder Gewalt, sondern durch zwischenmenschliche Konflikte, unterschwellige Bedrohung und die allmähliche Enthüllung der Vergangenheit. Genau das mochte ich sehr. Die Verknüpfung der beiden Zeitebenen ist gelungen, der Plot ist durchdacht und logisch aufgebaut. Am Ende werden alle losen Fäden zusammengeführt, es bleibt nichts unbeantwortet. Die Auflösung ist nachvollziehbar und schlüssig, wenn auch ohne großen Wow-Faktor. Gleichzeitig hatte ich beim Finale das Gefühl, dass es etwas überhastet wirkt. Sehr viele Erklärungen kommen gebündelt am Ende, alles verdichtet sich stark. Hier hätte ich mir stellenweise etwas mehr Raum gewünscht, um die Enthüllungen wirken zu lassen.
Mit „Fünf Fremde“ liefert Romy Fölck einen atmosphärischen, psychologisch geprägten Thriller, der vor allem durch sein starkes Setting und die gelungene Struktur überzeugt. Die Insel Neuwerk mit ihrer rauen Nordsee-Kulisse trägt die Geschichte und verleiht ihr eine besondere Intensität. Kein absolut herausragendes Highlight, aber ein durchweg spannender, gut geplanter und unterhaltsamer Thriller, der zeigt, wie sehr die Vergangenheit die Gegenwart formen kann.
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