[Rezension] Liz Nugent – Kleine Grausamkeiten


„Alle drei Drumm-Brüder waren auf der Beerdigung, einer von uns allerdings im Sarg.“

Will, Brian und Luke wachsen im Wettbewerb um die ungleich verteilte Liebe ihrer Mutter auf. Als Erwachsene setzt sich dieser Konkurrenzkampf fort – um Status, Geld, Ruhm, Frauen … Sie verraten einander, immer wieder, bis einer von ihnen tot ist.

Doch welcher der Brüder hat ihn getötet? Und wer liegt im Sarg?“

Autorin: Liz Nugent
Titel: Kleine Grausamkeiten
Übersetzung: Kathrin Razum
Genre: Roman
Seitenzahl: 464
Erscheinungsdatum: 01. Oktober 2026
Verlag: Gutkind
Preis: 16,00€ (Taschenbuch); 9,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Will, Brian und Luke Drumm wachsen gemeinsam bei ihren Eltern auf. Schon früh entsteht zwischen den drei Brüdern ein Konkurrenzkampf um die ungleich verteilte Aufmerksamkeit und Liebe ihrer Mutter. Was als kindliche Rivalität beginnt, zieht sich bis ins Erwachsenenalter. Sie konkurrieren um Status, Geld, Erfolg und Frauen und verraten sich gegenseitig immer wieder. Als einer der drei Brüder schließlich tot ist, stellt sich nur noch eine Frage: Welcher der Brüder liegt im Sarg und wer trägt die Schuld an seinem Tod?

Liz Nugent ist für mich inzwischen eine dieser Autorinnen, bei denen ich eigentlich schon vor dem ersten Satz weiß, dass ich mich auf etwas Großes einstellen muss. Nachdem mich „Seltsame Sally Diamond“ und zuletzt auch „Die Wahrheit über Ruby Cooper“ so begeistert haben, waren meine Erwartungen an „Kleine Grausamkeiten“ entsprechend hoch. Und wieder einmal zeigt mir diese Autorin, dass es überhaupt keinen übernatürlichen Horror braucht, um eine Geschichte wirklich verstörend zu machen. Menschen reichen vollkommen aus.

Im Mittelpunkt stehen die drei Brüder Will, Brian und Luke und tatsächlich bekommen auch alle drei ihre eigene Perspektive. Genau das war für mich eine der größten Stärken des Romans. Denn Liz Nugent erzählt nicht einfach dieselbe Story aus drei Blickwinkeln, sondern lässt uns dieselben Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven erleben. Und das fand ich unglaublich gut gemacht.

Man liest eine Situation aus der Sicht eines Bruders und glaubt zunächst, verstanden zu haben, was passiert ist. Man denkt , dass man versteht, warum jemand etwas gesagt oder getan hat und denkt sich vielleicht sogar, dass das Verhalten durchaus nachvollziehbar ist. Und dann kommt dieselbe Situation aus einer anderen Perspektive und plötzlich sieht alles vollkommen anders aus.

Boom. Auf einmal bekommt eine Szene eine völlig neue Bedeutung. Hier zeigt das Buch immer wieder, wie wenig wir Menschen eigentlich kennen. Wir wissen nicht, was jemand denkt. Wir wissen nicht, was jemand gerade durchmacht. Und wir wissen schon gar nicht immer, warum jemand so handelt, wie er handelt. Wir können einfach niemandem in den Kopf schauen. Ich fand diesen Effekt wirklich gut gemacht.

Natürlich bedeutet dieser Aufbau aber auch, dass die Ereignisse mehrfach erzählt werden. Dadurch ist der Roman länger, als er es mit nur einer Perspektive gewesen wäre. Mich hat das allerdings überhaupt nicht gestört. Für mich ist das ein wichtiger Teil des Konzepts, weil es zeigt, wie unterschiedlich ein und dieselbe Situation wahrgenommen werden kann.

Zusätzlich springen wir immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Die Geschichte wird jedoch nicht chronologisch erzählt. Das klingt jetzt komplizierter als es ist, denn die zeitlichen Wechsel sind gut eingebunden und so setzt sich nach und nach das Bild dieser Familie immer vollständiger zusammen. Und was für eine furchtbare Familie das ist…

Die Dynamik zwischen den drei Brüdern, ihrer Mutter und später auch den Partnerinnen ist teilweise wirklich unterirdisch. „Dysfunktional“ beschreibt das eigentlich kaum noch ausreichend. Es gibt Manipulation, Rivalität, Verletzungen, Neid und immer wieder kleine Grausamkeiten, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so bedeutend erscheinen. Für die Betroffenen können sie allerdings weitreichende Folgen haben und sich über Jahre hinweg auswirken.

Besonders gut gefallen hat mir wieder mal, dass Liz Nugent ihre Figuren nicht einfach in gut und böse einteilt. Niemand ist hier ausschließlich Opfer oder Täter. Jeder trägt seine eigenen Verletzungen mit sich herum, trifft falsche Entscheidungen und handelt manchmal nachvollziehbar und manchmal einfach nur furchtbar. Bei allen drei Brüdern konnte ich zumindest teilweise mitfühlen, auch wenn ich für manche deutlich mehr Sympathien hatte als für andere.

Der Einstieg mit der Beerdigung und der Frage, welcher der drei Brüder im Sarg liegt, ist dabei ein starker Aufhänger. Dieses Geheimnis wird fast bis bis zur letzten Seite aufrechterhalten, was ich eigentlich gar nicht gebraucht hätte. Ich war längst sehr an den Schicksalen der einzelnen Familienmitglieder interessiert und wollte ich unbedingt wissen, was die Zeit für alle bringen wird.

„Kleine Grausamkeiten“ ist jedenfalls nicht der klassische Thriller, den ich sonst am liebsten lese. Aber es ist eine unglaublich gut erzählte, düstere und stellenweise wirklich verstörende Familiengeschichte, die mich emotional mitgenommen hat. An einigen Stellen musste ich tatsächlich erst einmal tief durchatmen. Wieder mal ein tolles Werk der Autorin.

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