[Rezension] Leodora Darlington – The Exes

„Natalie will eigentlich nur den Richtigen finden. Den perfekten Mann, mit dem sie die glückliche Familie gründen kann, die sie nie hatte. Doch jedes Mal, wenn sie glaubt, ihngetroffen zu haben, wird sie enttäuscht. Ein weiterer Ex-Freund auf ihrer zu langen Liste. Doch dann lernt sie James kennen, und Natalie glaubt, endlich alles zu bekommen, was sie sich je gewünscht hat – bis James etwas herausfindet, das Natalie für immer verbergen wollte: Die Wahrheit über ihre drei Exes. Sie sind nicht einfach Männer, die Natalie verletzt, hintergangen und verlassen haben. Sie sind tot. Und jedes Mal war Natalie – noch so zufällig – in der Nähe. Dadurch wird James zur Gefahr … oder Natalie?“
Autorin: Leodora Darlington
Titel: The Exes
Übersetzung: Conny Lösch
Genre: Roman, Thriller
Seitenzahl: 464 Seiten
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2026
Verlag: Insel Verlag
Preis: 24,00 € (gebundene Ausgabe); 17,99 € (E-Book)
Meine Meinung:
Im Mittelpunkt von „The Exes“ steht Natalie, eine Frau, deren Liebesleben Spuren hinterlassen hat. Mehrere intensive Beziehungen liegen hinter ihr, manche davon endeten nicht nur mit gebrochenen Herzen, sondern mit tödlichen Konsequenzen. In wechselnden Zeitlinien begleiten wir sie durch ihre Vergangenheit und Gegenwart, erfährt von Begegnungen, von Anziehung, von Nähe und von Dynamiken, die sich schleichend verschieben. Nach und nach setzt sich ein vielschichtiges Bild zusammen. Während Natalie ihre Version der Ereignisse erzählt, bleibt immer die Frage, wie verlässlich diese Perspektive eigentlich ist und ob wir hier wirklich die ganze Wahrheit erfahren.
„The Exes“ von Leodora Darlington, ist ein Debütroman und genau solche literarischen Entdeckungen liebe ich sehr. Schon die Aufmachung des Buches und der Klappentext haben mich sofort angesprochen. Ehrlich gesagt war ich überzeugt, hier einen klassischen Thriller zu bekommen, mit einer geheimnisvollen Protagonistin, ein paar toten Exfreunden und einem großen dunklen Geheimnis, das eigentlich recht offensichtlich scheint. Doch dieses Buch ist weit mehr als das und hat mich auf mehreren Ebenen überrascht.
Ein zentrales erzählerisches Mittel ist die unzuverlässige Erzählerin. Natalie führt uns durch ihre Geschichte, doch immer wieder entstehen kleine Irritationen. Es gibt Momente, in denen man innehält und sich fragt, ob das alles wirklich so geschehen ist oder ob hier Wahrnehmung, Erinnerung und vielleicht auch Selbstschutz ineinanderfließen. Genau dieses permanente Hinterfragen erzeugt eine subtile, psychologische Spannung, die sich durch das gesamte Buch zieht.
Es dauert eine Weile, bis die Handlung spürbar an Fahrt aufnimmt. Die Geschichte nimmt sich Zeit, ihre Figuren in all ihren Facetten einzuführen und ihre Beziehungen zueinander sorgfältig aufzubauen. Anfangs kann sich das etwas ruhig anfühlen, doch rückblickend wird deutlich, wie wichtig diese Kapitel sind. Während Natalie sich immer wieder in moralischen Graubereichen bewegt und Entscheidungen trifft, die nicht eindeutig richtig oder falsch einzuordnen sind, gibt es andere Figuren, die sich sehr klar in Schwarz oder Weiß unterteilen lassen. Gerade dieser Kontrast schärft den Blick auf ihre innere Zerrissenheit und macht viele Situationen so eindringlich. Statt einfacher Antworten entstehen echte moralische Dilemmata, die einen als Leserin nicht unberührt lassen.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass sowohl die Autorin als auch die Protagonistin Schwarze Frauen sind. Dadurch wird die Geschichte aus einer Perspektive erzählt, die in diesem Genre noch immer unterrepräsentiert ist. Diese Erfahrungsebene fließt subtil in die Erzählung ein und verleiht der Handlung zusätzliche Tiefe. Bestimmte Machtverhältnisse und Dynamiken sind durch diese Perspektive einfach anders. Es ist vor allem die Authentizität der Sichtweise, die den Roman bereichert und ihm eine besondere Note verleiht.
Protagonistin Natalie selbst ist eine ambivalente Figur. In manchen Momenten wusste ich nicht, wie ich zu ihr stehen soll. Es gab Szenen, in denen ich innerlich den Kopf geschüttelt habe und andere, in denen ich ihre Gedanken nachvollziehen konnte und sie beinahe anfeuern wollte. Genau dieses Spannungsfeld macht sie so faszinierend. Man schwankt permanent zwischen Distanz und Verständnis und genau darin liegt eine große Stärke dieses Romans.
Besonders beeindruckt hat mich auch die Darstellung der Männerfiguren. Die Autorin gelingt es, problematische Dynamiken sehr präzise einzufangen. Nicht überzogen oder plakativ, sondern in feinen Nuancen. In kleinen Gesten, in subtilen Machtverschiebungen und in Momenten, die vielen Leserinnen erschreckend vertraut vorkommen dürften. Diese Genauigkeit sorgt dafür, dass die emotionale Wirkung der Geschichte enorm ist, weil man sich in bestimmten Situationen wiedererkennt oder zumindest ein unangenehmes Wiedererkennen spürt.
Thematisch entfaltet der Roman eine intensive Auseinandersetzung mit Dysfunktionalität, mit den Spuren, die Beziehungen hinterlassen, mit Trauma und mit weiblicher Wut. Gleichzeitig geht es immer wieder um die moralischen Fragen, die entstehen, wenn Menschen an ihre Grenzen geraten. Nachdem die Geschichte Fahrt aufgenommen hat, entwickelt sie eine starke Sogwirkung und bleibt bis zur letzten Seite spannend, weil man sich nie ganz sicher sein kann, ob nicht doch noch eine weitere Wahrheit ans Licht kommt.
„The Exes“ ist kein klassischer Thriller, auch wenn er zunächst diesen Eindruck erweckt. Es ist ein vielschichtiger, psychologisch dichter Roman, der irritiert, provoziert und lange nachhallt. Ich kann nur empfehlen, sich auf diese Geschichte einzulassen, sich nicht von anfänglichen Erwartungen leiten zu lassen und Natalie einfach zuzuhören. Ihre Geschichte ist außergewöhnlich und stark geprägt von Männern, die es womöglich nie verdient hatten, einen so großen Raum in ihrem Leben einzunehmen. Für ein Debüt ist das bemerkenswert klug konstruiert und emotional intensiv und mich hat dieses Buch wirklich überrascht.
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