[Rezension] Nicci Cloke – Sie war es. Sie war es nicht
Katie Coles erster Satz bei ihrer Verhaftung lässt sie innerhalb weniger Stunden zur Hauptfigur eines Skandals werden, der die Nation in Atem hält: Ist sie die eiskalte Mörderin, die vier einflussreiche Mitglieder von Londons exklusivstem Privatclub vergiftet hat? Während die Öffentlichkeit über Schuld und Unschuld urteilt, bilden sich fünf Männer ihre ganz eigene Version der Wahrheit.
Ihr Vater: sieht in ihr noch immer das unschuldige kleine Mädchen.
Ihr Jugendfreund: teilt mit Katie eine ungute Faszination für Verschwörungstheorien.
Ihr Ex-Liebhaber: verflucht den Tag, an dem er Katie verfiel.
Ihr Anwalt: ahnt, dass Katie nicht die ganze Wahrheit erzählt.
Der Journalist: wittert seine ganz große Story.
Fünf Männer. Jeder von ihnen erzählt eine andere Geschichte. Doch wer kennt das wahre Gesicht von Katie Cole?
Autorin: Nicci Cloke
Titel: Sie war es. Sie war es nicht
Übersetzung: Ulrike Clewing
Genre: Thriller
Seitenzahl: 336
Erscheinungsdatum: 25. Februar 2026
Verlag: Penguin
Preis: 17,00€ (Paperback); 4,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
In einem noblen Londoner Privatclub wurden vier hochrangige Männer vergiftet. Die einzige Tatverdächtige ist die Kellnerin Katie Cole. Doch wer ist die geheimnisvolle Kellnerin? Das bleibt zunächst im Dunkeln, denn ihre Geschichte wird nicht von ihr selbst erzählt. Stattdessen kommen die Männer zu Wort, die sie kannten oder zumindest glaubten, sie zu kennen.
Da ist ihr Anwalt, der sie verteidigt und doch nie ganz sicher scheint, wie viel Wahrheit zwischen Offenbarung und Strategie liegt. Ihr Vater, der seine ganz eigene Version der Tochter zeichnet, geprägt von Erinnerungen, Erwartungen und Enttäuschungen. Ein Journalist, der sich beinahe obsessiv in den Fall verbeißt. Ein Jugendfreund, der eine frühere, vielleicht unverfälschtere Katie gekannt haben will und ihre ungesunde Obsession für Verschwörungstheorien teilt. Und ein ehemaliger Liebhaber, der die Begegnung mit Katie eigentlich lieber vergessen wollte.
Alle berichten im Nachgang des Mordfalls. Sie blicken zurück, erzählen von Begegnungen, von Katies Vergangenheit, von prägenden Momenten und vermeintlichen Charakterzügen. Doch je mehr erzählt wird, desto deutlicher wird, dass jeder von ihnen nur einen Ausschnitt von Katie zeigt. Ein Fragment. Und vielleicht mehr Projektion als Wahrheit.
Wer war Katie Cole wirklich? Und welche Rolle spielte sie in dem Verbrechen? Zwischen widersprüchlichen Erinnerungen, persönlichen Motiven und unausgesprochenen Vorurteilen entsteht das Porträt einer Frau, das sich einer eindeutigen Einordnung entzieht.
Die Autorin Nicci Cloke war mir vor diesem Buch nicht bekannt. „Sie war es. Sie war es nicht“ ist der erste Roman von ihr, der hier im Penguin Verlag erschienen ist. Mich persönlich haben vor allem die Gestaltung und der Klappentext sofort angesprochen. Bei mir entscheidet das Cover tatsächlich oft mit darüber, ob ein Thriller auf meinem Lesestapel landet und hier war ich sofort neugierig.
Was diesen Thriller besonders macht, ist seine ungewöhnliche Erzählweise. Der Mordfall wird nicht aus Sicht der Ermittler oder der Beschuldigten geschildert, sondern ausschließlich durch die Stimmen verschiedener Männer, die alle auf ihre Weise mit Katie verbunden waren. Diese Konstruktion ist mutig und ohne Frage besonders.
Zu Beginn muss man sich als Leserin erst einmal orientieren. Wer spricht gerade? In welchem Verhältnis stand er zu Katie? Das erschließt sich jedoch recht schnell durch den Kontext. Die Männer sind klar voneinander unterscheidbar und differenziert dargestellt. Die kurzen Kapitel und die häufigen Perspektivwechsel sorgen grundsätzlich für Dynamik.
Und doch liegt genau hier mein persönlicher Knackpunkt. Wir hören ausschließlich, wie Männer Katie gesehen haben. Wie sie sie interpretiert und eingeordnet haben und was sie vielleicht in sie hineingedeutet haben. Das ist als Konzept hochinteressant und durchaus gesellschaftskritisch. Eine Frau wird durch männliche Blicke definiert, ohne selbst eine Stimme zu bekommen. Das sagt viel über Wahrnehmung, Projektion und Deutungshoheit aus.
Gleichzeitig blieb Katie für mich dadurch erstaunlich blass. Trotz der Vielzahl an Perspektiven konnte ich kein wirklich greifbares Bild von ihr entwickeln. Sie wirkte weniger geheimnisvoll als vielmehr unnahbar und für mich ein Stück weit unlebendig. Genau das erschwerte mir auch den Zugang zum eigentlichen Mordfall, weil ich kaum einschätzen konnte, wie sie einzuordnen ist und inwiefern sie tatsächlich verstrickt sein könnte.
Obwohl die Kapitel kurz sind und die Perspektiven schnell wechseln, hatte ich stellenweise dennoch das Gefühl, dass sich die Handlung etwas zieht. Ich bin nicht ganz in den Lesefluss gekommen, den ich mir bei einem Thriller wünsche. Dennoch wollte ich natürlich wissen, wie sich alles auflöst. Das Ende war stimmig und nachvollziehbar, aber ohne großen Überraschungsmoment oder einen echten Knall.
Insgesamt ist „Sie war es. Sie war es nicht“ für mich klar eine Geschmacksfrage. Ich kann gut nachvollziehen, warum viele Leserinnen und Leser diese besondere Erzählweise feiern. Für mich persönlich lag die emotionale Distanz zur Hauptfigur jedoch wie ein kleiner Schleier über der gesamten Geschichte. Trotzdem würde ich aber weitere Bücher von Nicci Cloke für mich nicht ausschließen, denn die Grundidee und der Mut zur ungewöhnlichen Umsetzung haben definitiv Potenzial.
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