[Rezension] Alice Feeney – Nebelinsel

„Autor Grady Green ist überglücklich, als er die Nachricht erhält, dass es sein Roman auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat. Ungeduldig wartet er auf die Rückkehr seiner Frau, um ihr davon zu erzählen. Doch sie kommt nie zu Hause an. Ihr verlassenes Auto wird auf einer Klippe gefunden. Ein Jahr später trauert Grady immer noch. Niemand weiß, was mit seiner Frau passiert ist. Um endlich auf andere Gedanken zu kommen und sein neues Buch zu schreiben, reist Grady auf eine abgelegene Insel vor der schottischen Küste. Dort sieht er eine Frau, die Abby zum Verwechseln ähnlich sieht …“

Autorin: Alice Feeney
Titel: Nebelinsel
Übersetzung: Anke Kreutzer
Genre: Thriller
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 14. Januar 2026
Verlag: Heyne
Preis: 12,00€ (Taschenbuch); 4,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Nach dem plötzlichen Verschwinden seiner Frau Abby zieht sich der Schriftsteller Grady Green auf eine abgelegene Insel zurück. Dort, fernab vom Festland, hofft er, zur Ruhe zu kommen, einen Neuanfang zu wagen und wieder schreiben zu können. Doch die Insel ist ein merkwürdiger Zufluchtsort. Die wenigen Bewohner wirken eigenwillig, das Wetter ist rau, und die allgegenwärtige Abgeschiedenheit lässt zusätzlich Zweifel und Misstrauen wachsen. Während Grady versucht, sich in seinem neuen Leben einzurichten, wird zunehmend unklar, was auf der Insel wirklich geschieht und vor allem, ob er seiner eigenen Wahrnehmung überhaupt noch trauen kann.

Mit „Nebelinsel“ liefert Alice Feeney erneut einen psychologischen Thriller ab, der vor allem von seiner Atmosphäre lebt und mit einem ausgesprochen starken Einstieg beginnt. Gleich zu Beginn wird man mit dem Verschwinden von Gradys Ehefrau konfrontiert. Ein Szenario, das sofort neugierig macht und als perfekter Teaser funktioniert. Dieser Auftakt zieht einen direkt hinein in die Geschichte und setzt die Messlatte für die folgende Handlung ganz schön hoch…

Nach diesem intensiven Beginn schlägt das Buch jedoch einen ruhigeren, beinahe bedächtigen Ton an. Die Handlung nimmt sich Zeit, um anzukommen, sowohl auf der Insel, als auch in der Situation des Protagonisten. Das Tempo ist insgesamt zurückhaltender, was nicht zwingend negativ ist, aber spürbar den Fokus weg von permanenter Spannung hin zu Atmosphäre, Beobachtung und psychologischer Unsicherheit verlagert.

Ich habe bereits mehrere Bücher von Alice Feeney gelesen und bin grundsätzlich ein großer Fan ihrer Werke. Ihre Romane sind für mich fast immer Garant für Spannung, clevere Ideen und psychologische Tiefe. Nicht jedes Buch zündet bei mir gleich stark, aber selbst die Titel, die nicht zu meinen absoluten Favoriten gehören, empfinde ich als sehr unterhaltsam und lesenswert. Feeney schafft es einfach, eine ganz eigene Stimmung zu erzeugen und ihre Leserinnen zuverlässig in ein Netz aus Zweifeln, Andeutungen und falschen Fährten zu ziehen. Genau das erwarte und schätze ich auch an ihren Büchern.

Im Mittelpunkt von „Nebelinsel“ steht Schriftsteller Grady, der nach dem Verschwinden seiner Frau Abby auf eine abgelegene Insel zieht. Grady ist ein klassischer unzuverlässiger Erzähler und genau daraus zieht das Buch einen Großteil seiner Wirkung. Als Leserin stellt man immer wieder infrage, ob das, was er wahrnimmt und erlebt, tatsächlich so geschieht oder ob seine Wahrnehmung zunehmend eintrübt. Diese Unsicherheit überträgt sich sehr effektiv auf die gesamte Geschichte. Die Inselbewohner, denen Grady begegnet, sind allesamt etwas eigenwillig und tragen mit ihren Eigenarten zur unterschwelligen Beklemmung bei. Niemand wirkt wirklich greifbar oder vollkommen vertrauenswürdig. Abby selbst bleibt lange rätselhaft, da wir sie hauptsächlich über Rückblicke und vergangene Perspektiven kennenlernen, was ihre Figur bewusst diffus hält und Raum für Interpretationen lässt.

Die Insel als Schauplatz ist dabei weit mehr als nur Kulisse, sondern wird fast zu einem eigenen Charakter. Abgelegen, rau und häufig von Nebel umgeben, verstärkt sie das Gefühl von Isolation und Unsicherheit enorm. Die Landschaft wird sehr bildhaft beschrieben. Karg, windumtost, gleichzeitig aber auch von einer gewissen Schönheit geprägt. Trotz der Abgeschiedenheit wirkt das Leben dort nicht vollkommen abgeschottet, sondern realistisch und greifbar. So unheimlich die Insel auch ist, sie besitzt durchaus einen gewissen Reiz und eine fast schon verführerische Ruhe.

Das Buch selbst ist klar strukturiert. Wir verfolgen die Handlung überwiegend aus Gradys Perspektive in der Gegenwart, ergänzt durch Passagen aus Abbys Vergangenheit. Diese Wechsel sorgen dafür, dass sich Informationen nur langsam zusammensetzen und man als Leserin lange im Unklaren bleibt. Die Spannung entsteht weniger durch actionreiche Ereignisse, sondern vielmehr durch das ständige Hinterfragen dessen, was wahr ist und was nicht.

Der Einstieg des Buches hat mir ausgesprochen gut gefallen. Spannend, intensiv und sehr neugierig machend, doch danach wird das Tempo deutlich ruhiger, teilweise fast schon gemächlich. Das ist grundsätzlich stimmig, da man sich erst einmal mit der Insel, ihren Bewohnern und der Situation vertraut macht, fühlte sich für mich stellenweise aber etwas zäh an. Die Spannung kommt eher in kleinen Spitzen als konstant. Gegen Ende zieht das Buch dann deutlich an, allerdings wurden mir die Auflösungen im Verhältnis zum langsamen Aufbau etwas zu hastig abgehandelt. Hier hätte ich mir mehr Raum und Tiefe gewünscht, gerade weil zuvor so sorgfältig darauf hingearbeitet wurde.

Nichtsdestotrotz ist „Nebelinsel“ ein atmosphärisch sehr dichter, psychologischer Thriller, der vor allem durch Setting, Stimmung und die unzuverlässige Erzählweise überzeugt. Es ist nicht mein Lieblingsbuch von Alice Feeney, aber definitiv ein wirkungsvoller Titel. Ein Buch, das vermutlich nicht jedem gefallen wird, aber besonders Leserinnen anspricht, die langsame Spannung, psychologische Unsicherheit und eindrucksvolle Schauplätze mögen.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert