[Rezension] Marcus Kliewer – Die Besucher


„Eve und ihre Lebensgefährtin Charlie können ihr Glück kaum fassen: Das alte Haus in einer abgelegenen Gegend von Oregon ist ein echtes Schnäppchen, perfekt, um es zu renovieren und mit Gewinn weiterzuverkaufen. Nachbarn gibt es kaum, und auch Touristen verirren sich nicht nach 3709 Heritage Lane. Deshalb ist Eve überrascht, als es eines Abends klingelt: Ein Mann steht mit seiner Familie vor der Tür. Er habe früher hier gewohnt, sei auf der Durchreise und wolle seiner Frau und den drei Kindern das Haus zeigen. Zögernd lässt Eve, die allein zu Hause ist, die Fremden herein. Dann geschieht Seltsames. Die kleine Tochter der Besucher ist plötzlich unauffindbar, das Haus selbst scheint in Details merkwürdig verändert – oder bildet sich Eve das nur ein? Und die Familie macht keine Anstalten, wieder zu gehen. Ein Albtraum beginnt …“

Autor: Marcus Kliewer
Titel: Die Besucher
Übersetzung:  Tobias Schnettler
Genre: Thriller
Seitenzahl: 400
Erscheinungsdatum: 21. Januar 2026 (Print), 27.12.2025 (E-Book)
Verlag: Goldmann
Preis: 14,00€ (Paperback); 4,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Manchmal gibt es Bücher, auf die wartet man gefühlt ewig. „Die Besucher“ war für mich genau so ein Fall. Im Original („We Used to Live Here“) war dieses Buch seit über einem Jahr praktisch überall präsent. Gefühlt jede zweite Empfehlung, jede Horror- oder Thrillerliste, jede Diskussion drehte sich irgendwann um dieses Buch. Die Meinungen waren dabei erstaunlich gespalten. Viele waren begeistert, ein nicht unerheblicher Teil konnte damit überhaupt nichts anfangen. Hop oder Top also und genau solche Bücher reizen mich ja ganz besonders. Umso größer war meine Vorfreude, als ich gesehen habe, dass „Die Besucher“ nun endlich auf Deutsch im Goldmann Verlag erscheint.

„Die Besucher“ ist der Debütroman des Autoren und hat außerdem eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Die Geschichte erschien ursprünglich kapitelweise auf Reddit, wo sie schnell große Aufmerksamkeit erlangte und sich eine begeisterte Leserschaft aufbaute. Aus dieser viralen Geschichte entstand schließlich der Roman, der inzwischen international veröffentlicht wurde. Eine Netflix-Adaption befindet sich ebenfalls bereits in Planung.

In „Die Besucher“ haben Eve und ihre Partnerin Charlie ein abgelegenes Haus gekauft, das sie renovieren und weiterverkaufen möchten. Eines Abends steht eine fremde Familie vor der Tür. Der Mann behauptet, früher in diesem Haus gelebt zu haben, und bittet darum, es seiner Frau und den Kindern noch einmal zeigen zu dürfen. Eve ist hin- und hergerissen, lässt die Familie schließlich hinein, doch ab diesem Moment stimmt etwas nicht mehr…

Mehr möchte und sollte man über den Inhalt eigentlich nicht wissen. „Die Besucher“ ist ein Buch, bei dem ich ganz klar empfehlen würde, möglichst blind hineinzugehen. Jedes zusätzliche Wort über die Handlung wäre fast schon zu viel gesagt.

Die Hauptfigur Eve ist eine sehr prägnante Protagonistin, deren Wahrnehmung und innere Zerrissenheit das Buch maßgeblich tragen. Sie ist vorsichtig, reflektiert und gleichzeitig jemand, der Konflikten eher ausweicht, was sie zu Beginn genau in diese Situation bringt. Ihre Gedanken, Zweifel und Ängste sind extrem greifbar dargestellt, sodass man sich ihr sehr schnell nahe fühlt. Gerade diese Nähe sorgt dafür, dass die unterschwellige Bedrohung von Anfang an wirkt und sich immer weiter steigert.

Die Story wird größtenteils aus Eves Perspektive erzählt, was die Atmosphäre sehr dicht und intensiv macht. Zusätzlich arbeitet Markus Kliewer mit verschiedenen anderen Erzählelementen wie Interviews, Artikeln oder anderen dokumentarischen Einschüben. Diese sind richtig toll in den Text eingebunden und wirken nie wie ein Fremdkörper, sondern eher wie gezielte Unterbrechungen, die neue Fragen aufwerfen oder kleine Informationshäppchen liefern. Oft sorgen gerade diese Einschübe für kurze Aha-Momente, ohne zu viel preiszugeben. Sie verdichten die Geschichte, machen sie komplexer und verstärken das Gefühl, dass sich im Hintergrund etwas Größeres zusammenzieht.

Es passiert nicht oft, dass ich ein Buch an einem Tag förmlich verschlinge, „Die Besucher“ war aber genau so ein Fall. Der Sog ist enorm. Die Atmosphäre ist von Beginn an angespannt und steigert sich kontinuierlich. Schon die erste Begegnung mit der fremden Familie ist unangenehm, beklemmend und voller leiser Warnsignale. Diese Anspannung bleibt nicht nur bestehen, sie wird mit jeder Seite dichter.

Das Buch lässt unglaublich viel Raum für die eigene Fantasie und Vorstellungskraft. Gleichzeitig schafft es der Autor aber, diese Atmosphäre so präzise einzufangen, dass man sich dem Gefühl der Bedrohung kaum entziehen kann. Es ist schwer, dieses Buch in Worte zu fassen, ohne zu viel zu sagen.

Was „Die Besucher“ zusätzlich auszeichnet, ist, dass es auch auf einer zweiten Ebene funktioniert. Es gibt kleine, unaufdringliche Details, die sich erst beim genaueren Hinsehen erschließen und dem Ganzen eine zusätzliche Tiefe verleihen. Diese Hinweise fügen sich ganz selbstverständlich in den Text ein. Ich werde hier ganz bewusst nicht ins Detail gehen, aber wer gerne zwischen den Zeilen liest und aufmerksam ist, wird an diesem Buch noch einmal auf eine ganz andere Weise Freude haben.

Gleichzeitig ist „Die Besucher“ ein klares Ja-oder-Nein-Buch. Der Autor lässt vieles offen und gibt nicht auf jede Frage eine eindeutige Antwort. Wer es braucht, am Ende alles erklärt zu bekommen, könnte damit Schwierigkeiten haben. Für mich funktioniert dieser große Interpretationsspielraum jedoch sehr gut. Die Geschichte hat keine Logiklücken, aber sie überlässt es dem Leser, wie er bestimmte Dinge einordnet und genau das sorgt dafür, dass das Buch lange nachwirkt. Es ist eines dieser seltenen Bücher, die man nicht einfach nur liest und dann wieder zur Seite legt. Es bleibt im Kopf, es arbeitet nach und fühlt sich in vielerlei Hinsicht anders an als viele andere Thriller. Atmosphäre, Spannung und die besondere Erzählweise greifen perfekt ineinander. Für mich ist dieses Buch ein echtes Highlight und etwas, das deutlich aus der Masse heraussticht.

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