[Rezension] Jess Ryder – Die Touristin


„Willkommen im Paradies – von hier wirst du niemals entkommen.

Gleißendes Sonnenlicht, weiß getünchte Gebäude vor wolkenlosem Himmel, schaukelnde Segelboote im malerischen Hafen. Als Juno zum ersten Mal die griechische Insel Inios betritt, ist sie von der Schönheit des Ortes geblendet. Dennoch hat sie ihr Ziel fest vor Augen: Juno will unbedingt ihren unbekannten Vater finden. Aber je länger sie bleibt, desto deutlicher zeigt sich die Insel als ein Ort der Schatten und Bedrohungen. Und für Juno könnte es schon bald zu spät sein, um zu entkommen.“

Autorin: Jess Ryder
Titel: Die Touristin
Übersetzung: Melike Karamustafa
Genre: Thriller
Seitenzahl: 439
Erscheinungsdatum: 15. April 2026
Verlag: Aufbau Taschenbuch
Preis: 15,00€ (Taschenbuch); 10,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Juno reist auf eine griechische Insel, die für viele den Luxusurlaub schlechthin bedeutet ist. Sonne, Meer und scheinbar unberührte Idylle. Doch sie ist nicht aus Urlaubslust hier. Sie ist auf der Suche nach ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hat. Was als sehr persönliche Reise beginnt, wird schnell von einem unterschwelligen Gefühl begleitet, dass auf dieser Insel etwas nicht stimmt. Zwischen touristischem Glanz und Geheimnissen stößt Juno auf Spuren, die tiefer reichen als erwartet und die Vergangenheit näherbringen, als ihr lieb ist.

Auf das Buch aufmerksam geworden bin ich tatsächlich sofort durch das Cover, das ein absoluter Eyecatcher ist. Besonders schön finde ich, dass es stilistisch stark an das Buch aus dem Vorjahr von Jess Ryder angelehnt ist. Dadurch war der Wiedererkennungswert direkt da und ich habe auf den ersten Blick erkannt, dass es sich um ein neues Buch der Autorin handelt. Genau solche Details mag ich sehr, weil sie nicht nur optisch ansprechend sind, sondern auch eine gewisse Kontinuität schaffen.

Erzählt wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Zum einen befinden wir uns in den Sommern 1984 und 1985 und begleiten Estelle in einer Phase, in der sich die Insel zunehmend touristisch entwickelt. Zum anderen gibt es die Gegenwart rund 40 Jahre später, in der wir Juno folgen. Durch diese beiden Perspektiven entsteht nach und nach ein Gesamtbild, bei dem sich Vergangenheit und Gegenwart immer stärker miteinander verweben.

Juno ist die Figur, über die wir in die Geschichte eintauchen. Ihre Motivation ist klar, sie möchte endlich Antworten und mehr über ihre eigene Herkunft erfahren. Dabei wirkt sie suchend, aber gleichzeitig auch entschlossen, sich der Wahrheit zu stellen. Estelle hingegen erleben wir in einer ganz anderen Zeit und Lebenssituation. Ihre Geschichte gibt Einblicke in die damaligen Geschehnisse auf der Insel und in persönliche Verstrickungen, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. Beide Figuren ergänzen sich sehr gut, da sie unterschiedliche Blickwinkel auf dieselben Ereignisse ermöglichen.

Der Spannungsaufbau erfolgt bewusst ruhig und eher leise. Es handelt sich hier nicht um einen klassischen, temporeichen Thriller, sondern um eine Geschichte, die sich Zeit nimmt. Die Atmosphäre steht klar im Vordergrund. Immer wieder werden kleine Hinweise gestreut, Andeutungen gemacht und ein Gefühl erzeugt, dass etwas nicht stimmt, ohne dass man es sofort konkret greifen kann. Genau dieses konstante, unterschwellige Unbehagen zieht sich durch das gesamte Buch.

Besonders gelungen ist für mich das Setting, das weit mehr ist als nur Kulisse. Die Insel und ihre Entwicklung spielen eine zentrale Rolle und bringen auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Tourismus mit sich. Sowohl positive als auch negative Seiten werden hier aufgegriffen, was der Geschichte zusätzliche Tiefe verleiht.

Zum Ende hin zieht die Spannung dann deutlich an und spitzt sich auf wenigen Seiten zu. Die Auflösung war für mich überraschend, gleichzeitig aber absolut stimmig und schlüssig. Es wirkte nicht konstruiert, vielmehr fügt sich alles rund zusammen.

Insgesamt ist „Die Touristin“ ein atmosphärischer, eher ruhiger Thriller, der vor allem durch seine Stimmung und das besondere Setting überzeugt. Die Mischung aus persönlicher Suche, geheimnisvoller Inselkulisse und unterschwelliger Bedrohung macht das Buch zu einer idealen Urlaubslektüre. Für mich ein rundum gelungenes Leseerlebnis.

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