[Rezension] Nanami Kamon – Der Schrein
„Ein abgelegener Ort in den japanischen Bergen wird einer Gruppe von Besuchern zum Verhängnis – wer kann dem Iwaiyama entkommen?
Die Autorin Minami steht in Tokio unter enormem Druck: Die Deadline für ihren neuen Horrorroman rückt näher – doch die richtigen Worte wollen ihr nicht mehr einfallen. Da meldet sich plötzlich Asako, eine frühere Freundin, und bittet Minami um Hilfe.
Asako erzählt von einem Ausflug auf einen abgelegenen Berg, von einer düsteren Ruine, und von einem Schrein, den man besser nicht betreten hätte. Vier Menschen waren dort – und keiner von ihnen ist unverändert zurückgekehrt. Seitdem geschehen Dinge, die sich jeder Erklärung entziehen.
Je mehr Minami hört, je mehr sie die verstörenden Fotografien des Ortes betrachtet, desto stärker gerät sie selbst in den Bann der Geschichte. Was als Recherche beginnt, dringt bald in ihr eigenes Leben ein. Geräusche, Schatten, Erinnerungen – und eine Angst, die sie nicht mehr abschütteln kann.
Fasziniert und zunehmend beunruhigt beginnt Minami zu recherchieren und stößt auf beängstigende alte Legenden über den Berg.
Als die Situation eskaliert, muss Minami erkennen, dass sie nicht länger nur Beobachterin ist. Was in den Bergen begann, hat Tokio längst erreicht – und fordert seinen Preis.“
Autorin: Nanami Kamon
Titel: Der Schrein
Übersetzung: Bernd Sambale
Genre: Horror
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 01. April 2026
Verlag: Knaur
Preis: 12,99€ (Paperback); 9,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Minami, eigentlich eine erfolgreiche Horrorautorin, sitzt nun schon ungewöhnlich lange an ihrem nächsten Werk. Da kommt die Mail einer ehemaligen Bekannten wie gerufen, denn die möchte sie nämlich überreden zu einem verfluchten Schrein mitzukommen. Schließlich ist Minami ja mit ihren Horrorromanen quasi ein Profi. Minami hält von solchem Horrortourismus eigentlich nicht viel, doch vielleicht kann sie damit ja neue Ideen für ihre Bücher sammeln? Sie lässt sich auf ein Treffen ein, doch es dauert nicht lange bis sie das bereut…
In „Der Schrein“ von Nanami Kamon entführt uns die Autorin in eine stille, unterschwellig unheimliche Welt, in der das Grauen nicht laut auftritt, sondern sich langsam in die Gedanken schleicht.
Japanischer Horror funktioniert oft anders als das, was viele aus westlichen Thrillern gewohnt sind und genau das merkt man hier sehr deutlich. Statt auf schnelle Schockmomente oder durchgehend steigende Spannung zu setzen, lebt diese Art von Horror von Atmosphäre, Andeutungen und einem Gefühl des Unbehagens, das sich langsam aufbaut. Wer schon einmal japanische Horrorfilme gesehen hat, wird dieses Gefühl vermutlich wiedererkennen. Dieses leise, fast schon schleichende Grauen, das sich nicht immer sofort greifen lässt, aber lange nachwirkt. Für mich war das in Buchform tatsächlich neu und gerade deshalb auch spannend. Gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, dass mir an manchen Stellen das kulturelle Hintergrundwissen gefehlt hat, um wirklich alles in seiner Tiefe erfassen zu können. Themen wie Schreinkultur, Spiritualität und gesellschaftliche Dynamiken werden zwar angerissen, aber nicht immer so weit erklärt, dass sie sich vollständig erschließen.
Unsere Protagonistin lernen wir ausschließlich aus ihrer eigenen Perspektive kennen, was dazu führt, dass wir sehr tief in ihre Gedankenwelt eintauchen. Viele Passagen bestehen aus inneren Monologen, Beobachtungen und detaillierten Beschreibungen ihrer Umgebung und Wahrnehmung. Dadurch entsteht zwar eine gewisse Nähe zu ihr, gleichzeitig hat es das Lesen für mich stellenweise etwas zäh gemacht. Ich bin ehrlich gesagt das ein oder andere Mal ein wenig durch die Szenen gestolpert. Sei es durch mir unbekannte Begriffe, die kulturellen Bezüge oder auch durch die ungewohnten Namen. Trotzdem mochte ich, dass immer wieder ein Hauch von trockenem, leichtem Humor durchblitzt, der das Ganze etwas auflockert.
Was die Spannung angeht, sollte man hier wirklich keine klassische Steigerung erwarten. Das Buch bewegt sich eher auf einem konstant ruhigen Niveau und arbeitet mit kleinen, punktuellen Ausschlägen. Es gibt Momente, die kurz intensiver werden, die einen innehalten lassen, aber sie verhallen auch schnell wieder. Genau dieses Wechselspiel ist einerseits das, was die Atmosphäre trägt, andererseits hat es mir manchmal das Gefühl gegeben, dass bestimmte Ansätze nicht ganz ausgeschöpft wurden. Da waren viele Ideen und Elemente, die richtig viel Potenzial hatten, aber nicht immer die Tiefe bekommen haben, die ich mir gewünscht hätte.
Unterm Strich ist „Der Schrein“ für mich kein schlechtes Buch, im Gegenteil: Es bietet einen interessanten Einblick in eine andere Art von Horror und lebt stark von seiner Atmosphäre. Aber es bleibt auch ein bisschen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wer offen ist für ruhigen, subtilen Horror und sich auf eine andere Erzählweise einlassen kann, wird hier vermutlich mehr mitnehmen als jemand, der klassische Thriller-Spannung erwartet.
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