[Rezension] Vera Buck – Keine Angst, Darling

„Millionen wollen sein wie sie.
Doch ihr Leben ist eine gefährliche Lüge.
In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert – nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden …“
Autorin: Vera Buck
Titel: Keine Angst, Darling
Genre: Thriller
Seitenzahl: 448
Erscheinungsdatum: 3. August 2026
Verlag: Lübbe
Preis: 17,00€ (Paperback); 6,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Lea scheint alles erreicht zu haben, wovon Millionen Menschen träumen. Gemeinsam mit ihrem Mann Matt und ihrer kleinen Tochter lebt sie in der abgeschotteten Wohnanlage Sancta Familia in Florida. Auf Social Media begeistert sie als erfolgreiche Trad Wife Influencerin mit perfekt inszenierten Einblicken in ihren Alltag. Früher erfolgreiche Geschäftsfrau in Berlin, heute ein Leben als hingebungsvolle Ehefrau und Mutter in einer nach außen hin perfekten Welt.
Nur ihre ältere Schwester Paula betrachtet diese Entwicklung mit wachsender Skepsis. Die beiden stehen sich zwar grundsätzlich nahe, doch wie so oft im Erwachsenenleben, hat jeder seinen eigenen Alltag, der einen verschlingt. Statt regelmäßig miteinander zu telefonieren, verfolgt Paula das Leben ihrer Schwester häufig über deren Social Media Kanäle. Als Paula auffällt, dass Lea seit Wochen nichts mehr gepostet hat und auch auf keine Nachrichten reagiert, wächst ihre Sorge und Paula reist in einer Spontanaktion nach Florida. Dort trifft sie lediglich auf Matt, der behauptet, Lea befinde sich in einem Retreat und brauche Zeit für sich. Doch je länger Paula in Sancta Familia bleibt, desto mehr Ungereimtheiten fallen ihr auf. Hinter der makellosen Fassade der luxuriösen Wohnanlage scheinen eigene Regeln zu gelten…
Vera Buck gehört für mich längst zu den Autorinnen, bei denen ich ohne große Zweifel zugreife. Bisher hat mich keines ihrer Bücher enttäuscht und auch “Keine Angst, Darling” reiht sich nahtlos dort ein. Schon im Vorfeld war der Roman in meiner Bookstagram Bubble kaum zu übersehen. Gefühlt sprach jeder über dieses Buch, entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Umso schöner, dass sie für mich sogar noch übertroffen wurden.
Mit den sogenannten Trad Wives greift Vera Buck ein Thema auf, das in der vergangenen Zeit immer stärker in den Fokus gerückt ist. Der Begriff beschreibt Frauen, die bewusst ein traditionelles Rollenbild leben und ihre Aufgabe vor allem als Ehefrau, Mutter und Hausfrau sehen. Auf Social Media sieht man perfekt inszeniert Hausfrauen, die im Full Glam Look lächelnd am Herd stehen und dabei millionenfach Klicks bekommen. Doch wo hört eine selbstbestimmte Entscheidung auf und wo beginnen problematisch inszenierte Rollenbilder?
Genau Fragen macht Vera Buck zum Ausgangspunkt ihres Psychothrillers. Sie nutzt das Thema, um zahlreiche gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Es geht um Rollenbilder, Erwartungen an Frauen, Macht in Beziehungen, emotionale Abhängigkeiten und den Einfluss sozialer Medien auf unsere Wahrnehmung. Das Ineinandergreifen der Themen wurde wirklich richtig schön gemacht und für ein breites Publikum verständlich gemacht.
Besonders zum Nachdenken gebracht hat mich die Darstellung der schleichenden Machtverschiebung innerhalb von Leas Ehe. Viel zu oft sehen wir bei solchen Geschichten nur das Endergebnis. Eine Frau befindet sich in einer ungesunden oder kontrollierenden Beziehung und man stellt sich die Frage, warum sie dort verharrt und nicht einfach geht. Genau diese vorschnellen Urteile hinterfragt Vera Buck und macht sie verständlich.
Durch die Vergangenheitshandlung erlebt man, wie aus der selbstständigen Businessfrau aus Berlin langsam eine Frau wird, die immer mehr von ihrem früheren Ich verliert. Es gibt keinen einzelnen Wendepunkt, an dem plötzlich alles anders ist. Stattdessen sind es viele kleine Entscheidungen, Kompromisse und Verschiebungen, die einzeln betrachtet harmlos erscheinen und sich auch gut erklären lassen und gerade deshalb so gefährlich sind. Diesen Prozess so seziert und nachvollziehbar mitzuerleben, fand ich unglaublich wertvoll. Der Roman zeigt, wie schleichend solche Dynamiken entstehen und warum der Satz “Warum ist sie nicht einfach gegangen?” der Realität einfach nicht gerecht wird. So einfach ist es eben meistens nicht. Für mich ist genau das eine der größten Stärken des Buches.
Auch gelungen fand ich die Konstruktion mit den beiden Zeitebenen. Während Paula in der Gegenwart nach Antworten und ihrer Schwester sucht, erlebt man parallel Leas Vergangenheit und versteht nach und nach, wie sie überhaupt an diesen Punkt gelangen konnte. Beide Handlungsstränge ergänzen sich gut und sorgen für Abwechslung. Auch wie beide Stränge es geschafft haben, dass mein Unbehagen mit jeder Seite gewachsen ist… Ich habe wirklich richtig mitgefiebert.
“Keine Angst, Darling” ist für mich weit mehr als ein spannender Psychothriller. Vera Buck verbindet aktuelle gesellschaftliche Themen mit einer fesselnden Geschichte und schafft es dabei, zum Nachdenken anzuregen, ohne einfache Antworten zu liefern. Genau diese Mischung aus Spannung, psychologischer Tiefe und gesellschaftlicher Relevanz hat mich komplett überzeugt.
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