[Rezension] Melanie Raabe – Daisy

„Luca scheint recht unauffällig, aber nur auf den ersten Blick. Dass sie ein gewagtes Doppelleben führt, ahnt keiner. Sie ist 34, chronischer Single und geschätzte Anwältin in einer Berliner Kanzlei. Ihre kleine Wohnung ist vollgestopft mit Büchern, Schallplatten und Akten. Tagsüber gute Freundin und hart arbeitende Juristin, sorgt sie des Nachts jedoch auf ganz andere Art für Gerechtigkeit. Dann nämlich sucht sie still und leise all jene heim, die straflos mit etwas Bösem davongekommen sind. Und hinterlässt dabei ein Markenzeichen – ein Gänseblümchen.
Doch eines Tages wird sie bei einem ihrer nächtlichen Einsätze fast erwischt. Und plötzlich hängen in der ganzen Stadt rätselhafte Plakate, die sich wie Drohungen für sie lesen: Ich werde dich finden. Und all deine Geheimnisse werden mir gehören. Luca ist sich sicher: Sie wird verfolgt. Und scheint mit einer ihrer Aktionen an den Falschen geraten zu sein. An jemanden, der nun den Spieß umdreht – und viel weniger Skrupel hat als sie selbst. Ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel beginnt. Doch hat Luca überhaupt den richtigen Gegner im Visier?“
Autorin: Melanie Raabe
Titel: Daisy
Genre: Thriller
Seitenzahl: 416
Erscheinungsdatum: 26. August 2026
Verlag: btb
Preis: 24,00€ (Hardcover); 19,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Luca Palmer scheint auf den ersten Blick eine völlig gewöhnliche junge Frau zu sein. Sie ist eine angesehene Anwältin in einer Berliner Kanzlei, lebt allein und verbringt ihre freie Zeit zwischen Büchern, Schallplatten und ihren Freunden. Doch sobald es dunkel wird, geht Luca einem ganz anderen Hobby nach. Denn Luca hat ihre ganz eigene Vorstellung von Gerechtigkeit. Sie sucht sich Menschen, die ihrer Meinung nach für ihre Taten nicht angemessen bestraft wurden, und sorgt dafür, dass diese ihre ganz persönliche Strafe bekommen. Doch bei einem ihrer nächtlichen Einsätze wird Luca beinahe entdeckt. Kurz darauf tauchen in ganz Berlin rätselhafte Plakate mit einer eindeutigen Botschaft auf. Jemand kennt Luca und ihr Geheimnis und hat offenbar beschlossen, den Spieß umzudrehen. Hat Luca sich tatsächlich mit der falschen Person angelegt?
Auf „Daisy“ habe ich mich wirklich enorm gefreut. Melanie Raabes frühere Thriller habe ich noch ausgesprochen positiv in Erinnerung und nachdem sie sich mit ihren letzten Büchern etwas vom klassischen Thriller entfernt hatte, war ich umso gespannter auf ihre Rückkehr in mein Lieblingsgenre. Und was soll ich sagen? Es hat sich total gelohnt.
Luca Palmer war für mich eine Hauptfigur, bei der es ziemlich schnell geklickt hat. Sie ist tagsüber die seriöse Anwältin und nachts als selbst ernannte Rächerin unterwegs. Dass das, was sie tut, moralisch mindestens fragwürdig ist, steht dabei natürlich außer Frage. Selbstjustiz bleibt nunmal Selbstjustiz. Und trotzdem mochte ich sie unglaublich gern! Vielleicht gerade deshalb, weil sie eben nicht als klassische, unnahbare Rächerin daherkommt, sondern als ziemlich normale Frau, deren Doppelleben einen spannenden Kontrast zu ihrem Alltag bildet.
Und dieser Thriller bietet nicht einfach nur einen spannenden Plot. Melanie Raabe schafft es, ganz unterschiedliche Elemente miteinander zu verbinden, ohne dass es zu gewollt wirkt. Besonders gelungen fand ich den Aufbau mit den beiden Zeitebenen. Während wir Luca in der Gegenwart begleiten, führt uns eine zweite Erzählebene immer wieder zurück in die Vergangenheit.
Immer wieder bekommt man kleine Puzzleteile hingeworfen und versucht, daraus selbst ein Gesamtbild zu bauen. Zwischendurch hatte ich durchaus schon eine Vermutung, aber der Aha-Moment, hat sich etwas Zeit gelassen. Ich mochte dieses Entwirren unglaublich gern, weil die Vergangenheitsebene nicht einfach nur dazu dient, noch ein paar zusätzliche Informationen über die Figuren zu liefern. Und dann ist da natürlich noch das Katz-und-Maus-Spiel, das sich zwischen Luca und ihrem unbekannten Gegner entwickelt. Immer wieder tauchen neue Spuren auf, Luca folgt ihnen und versucht herauszufinden, wer hinter dem Ganzen steckt. Gleichzeitig hatte ich als Leserin ständig das Gefühl, dass mir eigentlich schon kleine Hinweise gegeben wurden und ich nur noch nicht in der Lage war alles zu entschlüsseln.
„Daisy“ hat aber nicht nur Spannung gesetzt, sondern an mehreren Stellen bei mir auch ein ziemlich unangenehmes Gefühl erzeugt. Gleich am Anfang gibt es beispielsweise diese Szene mit den Vogelspinnen. Und ganz ehrlich, allein die Vorstellung, dass plötzlich sechs Vogelspinnen irgendwo in der eigenen Wohnung herumkrabbeln könnten, ist für mich schon maximal unangenehm. Und auch später gab es immer nochmal eine Situationen, bei denen ich dachte: Nein. Auf gar keinen Fall. Genau dieses Unbehagen fand ich richtig gut gemacht.
Dafür muss man gar nicht permanent mit brutaler Gewalt arbeiten. Vieles entsteht allein durch die Situationen, die sie beschreibt. Und dieses Gefühl, dass offenbar jemand mehr über dich weiß, als dir lieb ist, funktioniert hier ausgesprochen gut. Wir haben hier wirklich ein richtig tolles Gesamtpaket bekommen.
Bei vielen Thrillern gibt es einen spannenden Plot und vielleicht noch einen interessanten Fall. Im besten Fall hat man zusätzlich eine Hauptfigur, die einen mitzieht. „Daisy“ hatte für mich dagegen von allem etwas. Eine sympathische Protagonistin, einen spannenden Plot, einen sehr schön konstruierten Aufbau, zwei miteinander verbundene Zeitebenen, kleine Aha-Momente, ein Katz-und-Maus-Spiel, jede Menge Unbehagen und gleichzeitig zwischenmenschliche Beziehungen, die teilweise sogar etwas fürs Herz hatten.
Melanie Raabe weiß offensichtlich, wie man eine Geschichte aufbaut, Hinweise platziert und verschiedene Erzählebenen miteinander verbindet. Vor allem schafft sie es, die einzelnen Elemente am Ende so zusammenzuführen, dass für mich ein rundes Gesamtbild entsteht und nichts unnötig abstrus oder konstruiert wirkt.
Ich habe „Daisy“ wirklich mit großer Freude gelesen. Es war spannend, mitreißend, teilweise richtig unangenehm und gleichzeitig überraschend emotional. Und genau diese Kombination bekommt man bei einem Thriller eben nicht jeden Tag. Ich freue mich sehr, dass Melanie Raabe wieder in meinem Lieblingsgenre gelandet ist. Ein wirklich rundum gelungenes Thriller-Erlebnis.