[Rezension] Megan Miranda – Die Tochter

„Die Dürre hat die Kleinstadt Mirror Lake fest im Griff, als Hazel in ihre Heimat zurückkehrt. Ihr Vater, der angesehene Detective des Ortes, ist verstorben. Während die Kleinstadtgemeinde um Perry Holt trauert, fragt sich Hazel, warum er ihr das Haus am See vermacht hat. Und nicht ihren Brüdern.
Die Anspannung unter den Geschwistern wächst von Tag zu Tag, und Hazel sieht sich mit unliebsamen Erinnerungen konfrontiert. Als die Trockenheit die Wasserlinie des Sees weiter zurückdrängt, gibt dieser Geheimnisse preis, die jahrelang unter der Oberfläche verborgen lagen. Wird der See auch eine Antwort auf die Frage geben, was mit Hazels Mutter geschah – einer Kriminellen, die einst spurlos verschwand?“
Autorin: Megan Miranda
Titel: Die Tochter
Übersetzung: Melike Karamustafa
Genre: Thriller
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 28. Januar 2026
Verlag: Penguin
Preis: 16,00€ (Paperback); 12,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Als Hazel in ihre Heimatstadt am Mirror Lake zurückkehrt, ist es nicht nur eine Reise zu ihrem Heimatort, um ihren Vater zu beerdigen, sondern in eine Vergangenheit, die sie nie wirklich hinter sich lassen konnte. Jahre zuvor verschwand ihre Mutter spurlos mit dem Familienvermögen und zurück blieb eine Tochter, die fortan mit dem Stigma der „Tochter der Betrügerin“ leben musste, und eine Familie, die sich neu sortieren musste. Der See, einst Lebensader der Kleinstadt, trocknet zunehmend aus. Mit jedem Zentimeter sinkendem Wasserspiegel kommen nicht nur alte Relikte ans Licht, sondern auch Erinnerungen und Geheimnisse, die besser verborgen geblieben wären. Hazel sieht sich gezwungen, sich nicht nur mit dem Verschwinden ihrer Mutter auseinanderzusetzen, sondern auch mit den Menschen, die sie zurückgelassen hat: ihrem Vater, der sie bedingungslos liebte und ihren Brüdern, zu denen sie nur teilweise Nähe aufbauen konnte. Je mehr Hazel gräbt, desto deutlicher wird, dass irgendjemand alles daran setzt, dass die Geheimnisse von Mirror Lake im Verborgenen bleiben.
Megan Miranda ist für mich eine Autorin, zu der man immer wieder greifen kann, wenn man Lust auf einen gut konstruierten Thriller hat. Ihre Bücher waren für mich bisher nie absolute Ausreißer nach oben, nichts, das sich unauslöschlich ins Gedächtnis brennt, aber sie waren ausnahmslos solide, spannend und perfekt geeignet für ein paar fesselnde Lesestunden zwischendurch. Genau mit dieser Erwartung bin ich auch an „Die Tochter“ herangegangen. Und genau das habe ich auch bekommen, nur dieses Mal mit einem Plot, der für mich besonders gut funktioniert hat.
Hazel ist eine Protagonistin, die stark von ihrer Vergangenheit geprägt ist. Bis sie mit ihrer Mutter in Mirror Lake sesshaft wurde, waren die beiden nie lange an einem Ort. Als junges Mädchen musste sie dann nicht nur das Verschwinden ihrer Mutter verkraften, sondern auch die soziale Ausgrenzung und das ständige Geflüster der Kleinstadtbewohner. Dieses frühe Brandmal hat sie nie ganz ablegen können. Heute wirkt sie gefasster, erwachsener, kontrollierter und doch merkt man schnell, dass sie innerlich nie wirklich abschließen konnte. Ihre Rückkehr ist kein Heimkommen, sondern ein Aufreißen alter Wunden. Besonders berührend ist ihre Beziehung zu ihrem Stiefvater, der sie stets bedingungslos geliebt hat, im Kontrast zu der durchwachsenen Verbindung zu ihren Brüdern. Dieses Familienkonstrukt verleiht der Geschichte eine emotionale Tiefe, die über den reinen Thriller hinausgeht.
Die Nebenfiguren machen es weder Hazel noch den Lesenden leicht. Viele bleiben verschlossen, ausweichend, fast schon abwehrend. Man hat permanent das Gefühl, dass jeder mehr weiß, als er zugibt, aber niemand bereit ist, die Wahrheit auszusprechen. Gerade dieses kollektive Schweigen der Kleinstadt erzeugt eine besondere Spannung. Hazel prallt immer wieder gegen unsichtbare Mauern, und je intensiver sie versucht, Antworten zu finden, desto deutlicher wird, dass sie sich damit selbst in Gefahr bringt. Dieses Gefühl von unterschwelliger Bedrohung zieht sich konstant durch die Handlung.
Der Roman ist in vier Parts gegliedert: Vater, Mutter, Söhne,Tochter. Diese Struktur ist nicht nur ein formales Stilmittel, sondern wirkt sich unmittelbar auf den Spannungsaufbau aus. Mit jedem Abschnitt verdichtet sich die Geschichte, neue Perspektiven und Geheimnisse kommen hinzu. Wir haben einiges an losen Fäden, die aber alle bis zum Ende verknüpft werden, auch wenn nicht unbedingt so wie man vermuten könnte.
Parallel dazu spielt der austrocknende Mirror Lake eine zentrale Rolle. Je länger der Regen ausbleibt, desto mehr gibt der See preis und desto größer wird die Spannung. Diese Entwicklung gipfelt schließlich in einem finalen Showdown, der passenderweise mit einsetzendem Regen seinen Höhepunkt erreicht. Ein sehr starkes, fast schon filmisches Bild. Die Handlung spielt überwiegend in der Gegenwart, oft wandern Hazels Gedanken aber in die Vergangenheit, insbesondere in die Zeit rund um das Verschwinden ihrer Mutter.
Mirandas Schreibstil ist angenehm zugänglich, flüssig und sehr leicht zu lesen, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Besonders hervorzuheben ist das Setting rund um den Mirror Lake. Der See, der unter der Klimakrise immer weiter schrumpft, ist nicht nur Kulisse, sondern beinahe ein eigener Charakter. Auch das Kleinstadtgefühl ist hervorragend eingefangen. Jeder kennt jeden, jeder beobachtet alles und trotzdem spricht niemand offen aus, was er weiß. Dieses Spannungsfeld zwischen Nähe und Verschwiegenheit funktioniert hier ausgesprochen gut. Gleichzeitig wird auch die Ambivalenz der Bewohner gegenüber dem Tourismus deutlich. Die Touristen und Ferienhausbesitzer sind ungeliebt und doch gleichzeitig existenziell wichtig.
„Die Tochter“ ist für mich ein rundum gelungenes Buch. Ein interessanter Grundplot, ein emotional aufgeladenes Familienkonstrukt, ein starkes Setting und ein stetig wachsender Spannungsbogen bis zur letzten Seite. Es gibt Wendungen, die man kommen sieht und andere, die einen kalt erwischen. Insgesamt ein Thriller, der sowohl atmosphärisch als auch emotional überzeugt. Ein Buch, das zeigt, dass Megan Miranda nicht nur solide Spannung liefern kann, sondern auch Geschichten, die wirklich nachhallen.
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