[Rezension] Megan Miranda – Die Lügnerin

 


„Ich bin das Wunderkind Arden, das die Hölle überlebt hat, sich aber nicht erinnern kann. Als ich sechs Jahre alt war, kannte die halbe Welt meinen Namen. Alle sprachen über mein Verschwinden und meinen dreitägigen Überlebenskampf in einem Abwasserschacht – auch meine Mutter. Sie verdiente viel Geld mit meinem Schicksal.

Heute heiße ich Olivia und erzähle Unwahrheiten über meine Vergangenheit. Niemand soll wissen, was ich erlebt habe. Aber mein wackliges Lügengerüst droht einzustürzen. Denn eines nachts wache ich draußen im Wald auf und zu meinen Füßen liegt die Leiche eines Mannes, den ich aus meinem früheren Leben kenne …“

Autorin: Megan Miranda
Titel: Die Lügnerin
Übersetzung: Cathrin Claußen
Genre: Thriller
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 13. Mai 2026
Verlag: Penguin
Preis: 15,00€ (Paperback); 10,99€ (E-Book)

Meine Meinung:

Als Arden Maynor sechs Jahre alt war, verließ sie schlafwandelnd während eines Unwetters ihr Haus und wurde von den Wassermassen mitgerissen. Drei Tage lang suchten Einsatzkräfte fieberhaft nach dem kleinen Mädchen und die Hoffnung, Arden lebend zu finden, schwand mit jeder Stunde mehr. Bis sie schließlich wie durch ein Wunder tief unten in einem unterirdischen Abwasserschacht entdeckt wurde.

Der Fall sorgte landesweit für Schlagzeilen und Arden wurde über Nacht zu einer öffentlichen Sensation. Regelmäßig, vor allem zu Jahrestagen, tauchte ihr Name erneut überall auf und die Öffentlichkeit schien regelrecht besessen von ihrer Geschichte zu sein. Für Arden wurde der Druck irgendwann zu groß und sie hat ihre frühere Identität hinter sich gelassen. Heute lebt sie unter ihrem Zweitnamen Olivia und versucht, endlich ein normales Leben zu führen.

Doch zwanzig Jahre nach dem Unglück holen die Ereignisse von damals sie erneut ein. Olivia schläft plötzlich wieder unruhig, beginnt erneut zu schlafwandeln und wacht eines Nachts draußen vor ihrem Haus auf. Direkt vor ihr liegt die Leiche eines Mannes. Olivia gerät immer tiefer in einen Strudel aus Erinnerungen und Geheimnissen. Denn nicht nur die Öffentlichkeit interessiert sich noch immer für Arden Maynor, auch jemand aus ihrer Vergangenheit scheint offenbar sie nie vergessen zu haben…

Mit „Die Lügnerin“ hat Megan Miranda bei mir wieder genau dieses Gefühl ausgelöst, das ich an ihren Büchern so mag. Dieses permanente Unbehagen, dieses ständige Hinterfragen und vor allem Figuren, denen man nie ganz vertrauen kann. Ich habe inzwischen schon einige Bücher der Autorin gelesen und fand ihre Geschichten bisher eigentlich immer solide. Manche eher im guten Mittelfeld, andere wiederum wirklich richtig stark. Besonders zuletzt „Die Tochter“ ist mir da sehr positiv im Kopf geblieben.

Interessant fand ich hier auch, dass „Die Lügnerin“ eigentlich gar kein neues Buch ist. Der Thriller erschien bereits 2022 im Penguin Verlag unter dem Titel „Bad Dreams“ und wurde nun noch einmal neu aufgelegt. So richtig erschlossen hat sich mir dieser Schritt ehrlich gesagt nicht, vor allem weil die ursprüngliche Veröffentlichung noch gar nicht lange zurückliegt und sich auch beim Coverdesign nicht wahnsinnig viel verändert hat. Es wirkt eher wie eine optische Anpassung in kleinen Nuancen.

Ich mochte den Aufbau des Buches wirklich gern. Megan Miranda arbeitet hier wieder mit einem Kleinstadtsetting und genau das sorgt für eine unglaublich dichte Atmosphäre. Dieses Gefühl, dass dort niemand anonym sein kann und jeder jeden kennt, zieht sich durch die gesamte Geschichte. Geheimnisse wirken dadurch automatisch viel bedrohlicher, weil man ständig das Gefühl hat, beobachtet zu werden oder dass irgendjemand doch mehr weiß, als er zugibt.

Wir erleben die Geschichte komplett aus Olivias Sicht und sind dadurch sehr nah an ihren Gedanken und ihrer Wahrnehmung dran. Zusätzlich gibt es immer wieder kleine Einschübe aus alten Interviews rund um das Verschwinden von Arden vor zwanzig Jahren. Toll eingefügte Elemente, die mehr Infos geliefert haben und gleichzeitig dieses Gefühl verstärkt haben, dass die Vergangenheit nie wirklich abgeschlossen wurde.

Die größte Stärke des Buches war für mich ganz klar Olivia. Ihre Figur war unglaublich spannend aufgebaut, weil man als Leser nie genau wusste, wie glaubwürdig sie eigentlich ist. Einerseits hatte ich ständig das Gefühl, dass sie vielleicht bewusst Informationen zurückhält. Andererseits spielte die Geschichte auch immer wieder damit, wie zuverlässig ihre Erinnerungen überhaupt sind. Sowohl die Erinnerungen an die Ereignisse von damals als auch die Dinge, die in der Gegenwart passieren und die sie selbst teilweise nicht richtig einordnen kann. Man tappt eigentlich die ganze Zeit im Dunkeln. Nicht nur bei Olivia selbst, sondern auch bei sämtlichen Nebenfiguren. Ich hatte wirklich ständig neue Verdächtige und habe meine Theorie mehrfach komplett geändert.

Man sollte allerdings wissen, dass Megan Miranda hier keinen rasanten Pageturner schreibt. Die Geschichte baut sich eher langsam auf und viele Informationen werden erst nach und nach enthüllt. Mich hat das überhaupt nicht gestört, weil ich die Atmosphäre unglaublich stark fand und unbedingt wissen wollte, was damals wirklich passiert ist und was es mit den aktuellen Geschehnissen auf sich hat. Mit der Auflösung hatte ich allerdings ein etwas zwiegespaltenes Verhältnis. Im Großen und Ganzen fand ich die Richtung, die Megan Miranda hier einschlägt, durchaus okay. Viele Fragen werden beantwortet und die wichtigsten Fäden sinnvoll zusammengeführt. Gleichzeitig gab es aber auch einzelne Aspekte, bei denen ich schon ein wenig ein Auge zudrücken musste. An der einen oder anderen Stelle musste man gewisse Dinge einfach akzeptieren, damit das Gesamtbild funktioniert. Das hat meinen Lesespaß insgesamt aber kaum geschmälert, weil der Weg dorthin so spannend war und die Atmosphäre über weite Strecken hervorragend funktioniert hat.

Besonders gelungen fand ich außerdem die Darstellung davon, welche Auswirkungen das damalige Erlebnis auf Olivia bis heute hat. Man merkt in wirklich jedem Bereich ihres Lebens, wie sehr sie diese Vergangenheit geprägt hat. Ihre Gedanken, ihre Entscheidungen, ihr Umgang mit anderen Menschen und auch ihre Einordnung von Situationen stehen ständig unter dem Einfluss dessen, was damals passiert ist.

„Die Lügnerin“ ist für mich vielleicht nicht Megan Mirandas stärkstes Buch, aber definitiv ein guter Thriller. Vor allem für Leser, die eher psychologische Spannung mögen und keine Geschichten brauchen, die mit extremer Gewalt daherkommen.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert