[Rezension] Carolin Frey – Das Krähenzimmer

„Es sollte der sicherste Ort der Welt sein. Das gemütliche Reetdachhaus hinter den Dünen, wo Lotta die glücklichsten Tage ihrer Kindheit verbrachte. Sie weiß genau, wo der Schlüssel liegt, wie die Krähen im Garten klingen. Hier will sie sich verstecken, hier wird sie niemand finden.
Doch anders als früher, als der Strand voller Touristen und alles bunt und lebendig war, scheint das Örtchen am Meer jetzt verwaist. Und auch im Haus ist etwas anders als früher. Lotta hat immer öfter das Gefühl, nicht allein zu sein. Jemand beobachtet sie. Jemand folgt ihr, wenn sie draußen ist. Jemand ist bei ihr, wenn sie schläft.
Lotta beginnt, an ihrem Verstand zu zweifeln. Was ist mit diesem Haus, das sie so gut kannte? Warum sind die Menschen so abweisend?
Als sie anfängt, Fragen zu stellen, setzt sich ein düsteres Bild zusammen. Das Haus in den Dünen scheint eine Geschichte zu haben, die es tief in sich bewahrt. Eine Wahrheit, verborgen in einem Tagebuch.
Dann erfährt Lotta von der jungen Frau, die vor ihr hier war. Die auch in diesem Haus wohnte.
Die vor ihr hier gestorben ist …“
Autorin: Carolin Frey
Titel: Das Krähenzimmer
Genre: Thriller
Seitenzahl: 432
Erscheinungsdatum: 14. August 2026
Verlag: Rowohlt Polaris
Preis: 18,00€ (Paperback); 5,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Lotta kehrt nach Geelekow zurück, dem Ort mit dem sie glückliche Kindheitserinnerungen verbindet. Noch immer steht dort das alte Reetdachhaus, in dem sie früher so viel Zeit verbracht hat. Jetzt sucht sie dort einen Rückzugsort, doch schon bald stellt sich heraus, dass sich vieles verändert hat. Der kleine Ort am Meer wirkt verlassen und auch das Haus fühlt sich längst nicht mehr so vertraut an wie früher. Lotta hat zunehmend das Gefühl, beobachtet zu werden, hört Geräusche und beginnt sich zu fragen, ob sie vielleicht doch nicht so allein ist…
Dabei kommt Lotta selbst nicht unbeschwert an diesen Ort. Schon früh wird deutlich, dass sie etwas Schlimmes erlebt hat und dass sie mit den Folgen davon zu kämpfen hat. Was genau passiert ist, erfahren wir allerdings nicht sofort. Stattdessen streut Carolin Frey immer wieder kleine Hinweise ein, die nach und nach ein Bild von Lottas Vergangenheit entstehen lassen.
Weil wir Lottas Perspektive so einnehmend zu lesen bekommen, ist dabei lange schwer einzuschätzen, was tatsächlich geschieht und was vielleicht nur in ihrem Kopf passiert. Mir hat diese Unsicherheit richtig gut gefallen. Durch die Perspektive sind wir vollkommen auf das angewiesen, was Lotta wahrnimmt. Ist da wirklich jemand, der sie beobachtet? Bildet sie sich die Geräusche und Bewegungen nur ein? Ist ihr Nervenkostüm nach allem, was passiert ist, einfach zu angespannt oder befindet sie sich tatsächlich in Gefahr? Mit dieser Frage spielt der Roman immer wieder und obwohl die Idee einer unzuverlässigen Wahrnehmung natürlich nicht neu ist, fand ich sie hier ausgesprochen gelungen umgesetzt.
Denn sie passt perfekt zur Atmosphäre des gesamten Buches. „Das Krähenzimmer“ lebt für mich ganz stark von diesem diffusen Gefühl, nie genau zu wissen, woran man eigentlich ist. Und das beginnt schon mit dem Einstieg. Wir bekommen gleich zu Beginn einen Einblick in eine Situation, in der sich Lotta später wiederfinden wird, ohne zu wissen, wie sie überhaupt dorthin gelangt ist. Damit hatte ich beim Lesen ständig diese eine Frage im Hinterkopf. Wie ist Lotta bitte in diese Situation geraten? Wer ist daran beteiligt und was steckt dahinter? Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr wollte ich verstehen, wie sich alles passend zu diesem Prolog zusammenfügen wird.
Besonders gut gefallen hat mir dabei auch das Setting. Carolin Frey beschreibt diesen kleinen, dünn besiedelten Ort direkt am Meer so eindrucksvoll, dass ich ihn beim Lesen wirklich vor Augen hatte. Die Kälte, die Leere, die Landschaft und das Gefühl, dass hier außerhalb der Saison kaum jemand unterwegs ist, passen hervorragend zur Geschichte. Dazu kommt die Dorfgemeinschaft, die sehr glaubwürdig eingefangen wird. Manche Menschen empfangen Lotta freundlich und mit offenen Armen, andere deutlich zurückhaltender, wenn nicht gar feindselig. Es gibt kleine eingeschworene Grüppchen und dieses typische Misstrauen gegenüber Außenstehenden, das man aus kleinen Orten durchaus kennt. Gleichzeitig bekommt man immer wieder Einblicke in die Geschichte des Ortes und erfährt von Unglücken, die sich dort schon vor langer Zeit ereignet haben. Dadurch bekommt die Kulisse noch einmal eine ganz eigene Geschichte.
Auch der Aufbau des Romans hat mir gut gefallen. Die meiste Zeit bleiben wir bei Lotta, zwischendurch gibt es aber optisch hervorgehobene kurze Kapitel, bei denen zunächst nicht klar ist, wer eigentlich spricht. Ich habe mir gerade bei diesen Einschüben ziemlich lange den Kopf darüber zerbrochen, wen wir hier begleiten. Auf die richtige Spur bin ich dabei nicht so schnell gekommen.
Ganz ohne kleine Längen kommt das Buch für mich nicht aus. Vor allem im Mittelteil gab es ein paar Szenen, die für mich etwas kürzer hätten ausfallen dürfen. Gleichzeitig verstehe ich aber, warum diese Stellen im Buch sind. Sie tragen nunmal dazu bei, die Stimmung weiter aufzubauen und dieses langsame, unterschwellige Unbehagen zu verstärken. Für meinen persönlichen Lesefluss hätte es trotzdem ein bisschen weniger sein dürfen.
Ansonsten hat mir „Das Krähenzimmer“ wirklich gut gefallen. Der Thriller ist sehr schön und leicht zugänglich geschrieben und schafft es, seine Atmosphäre konsequent aufrechtzuerhalten. Besonders die Kombination aus Lottas unsicherer Wahrnehmung, dem abgeschiedenen Küstenort und den verschiedenen offenen Fragen hat für mich sehr gut funktioniert.
Mit „Das Krähenzimmer“ hat Carolin Frey ein wirklich gelungenes Debüt hingelegt. Ich bin ich sehr gespannt, was wir in Zukunft noch von ihr lesen werden. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass dieses Buch nicht ihr letzter Thriller bleibt.
![]()