[Rezension] Monika Kim – Molka

„In diesem Spiel gibt es keine Zeugen – nur Täter und eine Frau, die nichts mehr zu verlieren hat.
Ein Klick hat ihr Leben zerstört. Ein Video hat sie zur Geächtetengemacht. Junyoung liebt es zuzusehen, wie Frauen durch seine illegalen Kameras ihre Privatsphäre verlieren. Er wähnt sich sicher in seinem perversen Doppelleben, bis er Dahye ins Visier nimmt. Er erwartet Tränen, doch er bekommt Blut. Dahye verwandelt Scham in blinde Wut und startet einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen ein System, das Voyeure schützt und Opfer vernichtet.“
Autorin: Monika Kim
Titel: Molka
Übersetzung: Dejla Jassim
Genre: Roman
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 3. September 2026
Verlag: kiwi Space
Preis: 23,00€ (Hardcover); 6,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Dahye glaubt, endlich den Mann gefunden zu haben, mit dem ihr Leben so werden könnte, wie sie es sich immer gewünscht hat. Er ist charmant, reich und stammt aus einer einflussreichen Familie. Doch dann taucht ein Video auf, das ihr Leben innerhalb kürzester Zeit zerstört. Während sich das Material im Internet verbreitet, muss Dahye erleben, wie die Menschen um sie herum plötzlich mit ihr umgehen, als wäre sie selbst diejenige, die etwas falsch gemacht hat.
Auch an ihrem Arbeitsplatz hat Dahye allen Grund, sich unwohl zu fühlen. Ihr Kollege Junyoung arbeitet als IT-Techniker und hat vollen technischen Zugriff. Niemand ahnt jedoch, dass er diesen Zugang längst für seine eigenen Zwecke nutzt. Er beobachtet heimlich Frauen und ihre Privatsphäre zu verletzen, ist für ihn kein Tabu, sondern eine Selbstverständlichkeit. Als Dahye in seinen Fokus gerät, ahnt er jedoch nicht, dass er sich damit die falsche Frau ausgesucht hat…
„Molka“ bedeutet Mole Camera und bezeichnet versteckte Kameras, mit denen Frauen ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung gefilmt werden. Das Thema war mir tatsächlich schon vor diesem Buch nicht völlig unbekannt. Gerade im Zusammenhang mit Reisen in Südkorea und anderen asiatischen Ländern hatte ich davon bereits gehört. Was mir allerdings neu war, war das Ausmaß, das Monika Kim hier schildert.
Und genau das macht „Molka“ für mich so beklemmend. Wir brauchen hier eigentlich überhaupt keinen übernatürlichen Horror, um uns zu gruseln. Der Horror ist längst da. Man findet versteckte Kameras in Toiletten, Umkleidekabinen, in Hotels und sogar Mietwohnungen. Damit wird plötzlich ein ganz alltäglicher Ort zu einem Ort, an dem man sich nicht mehr sicher fühlen kann. Ein sehr verstörender Gedanke.
Monika Kim treibt dieses Gefühl konsequent auf die Spitze und zeigt dabei nicht nur die Täter, sondern vor allem, wie mit den Opfern umgegangen wird. Was mich beim Lesen besonders wütend gemacht hat, war diese Haltung, die sich immer wieder durch die Geschichte zieht. Solange Männer selbst nicht betroffen sind, wird das Problem kleingeredet. Was sei denn schon dabei? Warum fühle man sich überhaupt so belästigt? Warum mache man daraus ein solches Drama? Und es ist leider sehr leicht vorstellbar, dass sich so eine Situation tatsächlich genau so abspielt.
Dahye durchläuft dabei eine Entwicklung, die ich sehr nachvollziehbar fand. Sie ist nicht von der ersten Seite an wütend, sondern muss überhaupt erst begreifen, was ihr passiert ist, und ihre eigene Wut zulassen. Das dauert eine ganze Weile und ich hätte mir diesen Punkt manchmal etwas früher gewünscht.
Die zweite Perspektive im Buch sorgt für einen besonders unangenehmen Kontrast. Junyoung ist ein Charakter, bei dem ich mich beim Lesen wirklich regelmäßig geekelt habe. Seine Erwartungshaltung gegenüber Frauen und die Selbstverständlichkeit, mit der er glaubt, sich nehmen zu dürfen, was ihm gefällt, sind einfach widerlich. Und gleichzeitig ist genau das der Punkt, an dem der Horror für mich besonders real wurde. Junyoung wirkt nicht wie irgendein völlig abgedrehter Bösewicht aus einem Horrorfilm. Er ist einfach unangenehm realistisch.
Eine kleine Irritation hatte ich allerdings bei der Rolle von Dahyes verstorbener Schwester. Sie taucht immer wieder auf und nimmt im Verlauf der Geschichte eine besondere Bedeutung ein. Ich war mir dabei nicht immer sicher, wie ich diese Ebene einordnen sollte. Ist sie tatsächlich übernatürlich oder steht sie eher sinnbildlich für Dahyes Wut und all das, was sie selbst nicht in Worte fassen kann? Vielleicht ist genau diese Zweideutigkeit beabsichtigt, für mich hat sie allerdings nicht ganz so gut funktioniert wie der ansonsten sehr greifbare Horror der Geschichte.
Was dagegen ganz hervorragend funktioniert, ist die gesellschaftliche Ebene. Molka zeigt nicht nur, wie Frauen heimlich gefilmt werden, sondern auch, was passiert, wenn die Betroffenen versuchen, sich dagegen zu wehren. Die Täter können sich hinter Scham, Gleichgültigkeit und einem System verstecken, das viel zu oft erst dann reagiert, wenn es plötzlich die falschen Menschen trifft. Und genau deshalb ist dieser Roman so unangenehm. Monika Kim nimmt sich ein reales Problem und macht daraus Horror.
„Molka“ ist für mich damit vor allem ein wütendes Buch. Ein Buch über Scham und Macht und darüber, was passieren kann, wenn eine Frau irgendwann aufhört, die Wut herunterzuschlucken. Das Ganze ist nicht vollkommen rund und ich hätte mir gewünscht, dass Dahyes Entwicklung etwas früher Fahrt aufnimmt. Nichtsdestotrotz ist die Thematik so brisant und stellenweise erschreckend realistisch umgesetzt, dass mir die Geschichte auch nach dem Lesen noch im Kopf geblieben ist. Wer mit Female Rage, Feminist Horror und einer gehörigen Portion Wut etwas anfangen kann, sollte sich „Molka“ definitiv mal anschauen.
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