[Rezension] Tana French – Wie ein Fluss in der Nacht

„In einer kalten Nacht verschwindet Rachel Holohan aus dem irischen Dorf Ardnakelty. Die liebenswürdige junge Frau stand kurz vor der Hochzeit mit dem Sohn des lokalen Großgrundbesitzers. Auch Ex-Cop Cal Hooper schließt sich den Suchtrupps an, denn er schuldet seinen Freunden Loyalität. Doch Cals Verlobte Lena und seine Ziehtochter Trey fürchten die uralten Verbindungen im Ort – und geraten selbst in die Schusslinie.“
Autorin: Tana French
Titel: Wie ein Fluss in der Nacht
Übersetzung: Henning Ahrens
Genre: Roman
Seitenzahl: 560
Erscheinungsdatum: 23. September 2026
Verlag: Fischer
Preis: 26,00€ (Gebunden); 18,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
In dem kleinen irischen Dorf Ardnakelty kennt jeder jeden. Wer lebt hier schon immer, wer ist irgendwann zugezogen und wer hat den Ort längst verlassen, nichts bleibt verborgen. Als eine junge Frau tot aufgefunden wird, stellt sich schnell die Frage, was passiert ist. Denn je genauer man hinschaut, desto mehr Verbindungen und mögliche Motive tun sich auf. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar, aber gerade in einer so kleinen Gemeinschaft, kann das durchaus kompliziert werden… Während die Ermittlungen beginnen, wird nach und nach deutlich, dass die Geschichte dieses Dorfes enger mit dem Fall verbunden ist, als zunächst gedacht. Und so geht es bald nicht nur darum herauszufinden, wer für den Tod der jungen Frau verantwortlich ist, sondern auch darum, welche Geheimnisse in dieser kleinen Gemeinschaft bisher verborgen geblieben sind…
Tana French ist eine Autorin, deren Bücher mir schon öfter begegnet sind, bisher hatte ich allerdings tatsächlich noch keines von ihr gelesen. Warum los nicht mit „Wie ein Fluss in der Nacht“ reinstarten? Und gerade jetzt, wo es draußen langsam herbstlich wird, hat mich auch das Setting direkt angesprochen. Das Buch spielt im Herbst und passt damit wirklich ziemlich perfekt zum aktuellen Vibe.
Man sollte allerdings ein bisschen Geduld mitbringen. Wie ein Fluss in der Nacht ist definitiv kein Buch, das sofort aufs Tempo drückt, ganz im Gegenteil. Das Buch nimmt sich sehr viel Zeit, sein Setting aufzubauen, die einzelnen Personen vorzustellen und vor allem zu erklären, wie diese Menschen miteinander verbunden sind und wie sie dort im Dorf gelandet sind. Und ich fand das tatsächlich ziemlich angenehm. Ich würde nämlich gar nicht sagen, dass das Buch gemächlich ist, denn das klingt für mich schon wieder so, als wäre es stellenweise langweilig. Das war es für mich überhaupt nicht. Es ist einfach ruhig erzählt. Sehr ruhig sogar. Aber eben auf eine Art, die für mich gut funktioniert hat.
Auch der eigentliche Fall entblättert sich nicht direkt auf den ersten Seiten. Es gehen schon einige Seiten ins Land, bevor wir überhaupt wirklich an dem Punkt sind, an dem man von einem Fall sprechen kann. Dafür weiß man dann aber auch, wo man ist, wer wer ist und vor allem, was die Menschen miteinander verbindet.
Und das Dorfsetting hat mir richtig gut gefallen! Wir haben hier diese typische kleine Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Jeder weiß, wer sich mit wem versteht und wer vielleicht nicht ganz so gut miteinander kann. Und natürlich weiß in so einem Dorf auch jeder über jeden Bescheid. Geheimnisse haben es da nicht unbedingt leicht. Ich finde solche Settings in Bücher immer ziemlich spannend. Wobei ich vermutlich nicht unbedingt selbst in so einem Dorf leben möchte, in dem der Nachbar wahrscheinlich schon weiß, was ich im Supermarkt gekauft habe, bevor ich überhaupt zu Hause bin.
Umso interessanter ist es natürlich, wenn ausgerechnet aus dieser kleinen Gemeinschaft eine junge Frau zu Tode kommt. Denn der Kreis der Personen, die infrage kommen, ist dadurch automatisch relativ überschaubar. Das kann bei einem Kriminalfall natürlich Vor- und Nachteile haben. Für mich war es hier definitiv ein Vorteil, weil ich sehr gerne miträtsel und das natürlich meine Trefferquote erhöht, haha.
Und obwohl die Geschichte so ruhig erzählt wird, fand ich sie tatsächlich spannend. Das ist für mich auch die größte Stärke des Buches. French versucht nämlich nicht, Spannung über Tempo zu erzeugen. Es gibt kein permanentes Vorantreiben der Handlung und auch nicht alle paar Seiten irgendeinen möglichst spektakulären Knall. Stattdessen entsteht die Spannung daraus, dass man die Menschen und ihre Beziehungen immer besser versteht und sich dadurch nach und nach auch neue Möglichkeiten auftun. Einige Verbindungen und Verschachtelungen hätte ich so auf den ersten Blick tatsächlich nicht erwartet. Und gerade die Art, wie sich diese Dinge im Laufe der Geschichte ergeben, hat mir richtig gut gefallen.
Und wie so oft in guten Kriminalgeschichten geht es dabei letztlich auch um die Abgründe der Menschheit. Denn mehr als Menschen braucht es manchmal gar nicht, damit die furchtbarsten Dinge passieren. Keine außergewöhnlichen Monster, keine übernatürlichen Kräfte, keine völlig absurden Konstruktionen. Es reicht, wenn Menschen aufeinandertreffen, die ihre eigenen Interessen, Geheimnisse und Abgründe mitbringen.
Für mich hat „Wie ein Fluss in der Nacht“ deshalb ziemlich genau die Mitte zwischen einem ruhigen, atmosphärischen Roman und einer spannenden Kriminalgeschichte getroffen. Und das muss man erst einmal schaffen. Denn normalerweise habe ich bei solchen Büchern tatsächlich oft das Gefühl, dass man sich für eines entscheiden muss. Entweder bekommt man eine Geschichte, die ruhig, ausführlich und stark auf Atmosphäre und Figuren ausgelegt ist, aber dann fehlt irgendwann die Spannung. Oder wir bekommen einen Thriller, der permanent aufs Tempo drückt, dadurch zwar deutlich mitreißender ist, aber nur so durch die dünne Story rast. Hier hat die goldene Mitte für mich super gut funktioniert.
Allerdings ist das Buch dadurch nicht für jeden was. Wer von einem Thriller erwartet, dass er einen schon auf den ersten Seiten packt und danach nicht mehr loslässt, könnte mit „Wie ein Fluss in der Nacht“ vermutlich seine Schwierigkeiten haben. Man muss sich darauf einlassen, dass die Geschichte erst einmal langsam startet und ihre Welt aufbaut.
Ich persönlich mochte das Dorfsetting, die Atmosphäre und ich fand es schön, dass die Geschichte ihren Figuren wirklich Zeit gibt. Gleichzeitig war ich irgendwann so in diesen Beziehungen und dem ganzen Geflecht drin, dass ich natürlich wissen wollte, wie das Ganze am Ende zusammenhängt. Für mich war „Wie ein Fluss in der Nacht“ deshalb ein wirklich gelungener erster Ausflug zu Tana French.
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