[Rezension] Steve Cavanagh – Kill For Me

„An einem kalten New Yorker Abend lernen sich zwei Frauen in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde kennen: Amanda und Wendy können nicht mit der Vergangenheit abschließen, nachdem sie ihre Liebsten durch brutale Verbrechen verloren haben. Beide warten vergeblich darauf, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird. So schließen sie einen Pakt: Amanda wird den Mann töten, der Wendys Tochter vergewaltigt und ermordet hat. Und Wendy wird Wallace Crone umbringen, den Mörder von Amandas kleiner Jess. Doch der Plan geht schrecklich schief. Denn eine der beiden spielt ein falsches Spiel …“
Autor: Steve Cavanagh
Titel: Kill for Me
Übersetzung: Peter Beyer
Genre: Thriller
Seitenzahl: 512
Erscheinungsdatum: 18. Februar 2026
Verlag: Goldmann
Preis: 17,00€ (Paperback); 14,99€ (E-Book)
Meine Meinung:
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Frauen, deren Leben durch schwere Schicksalsschläge aus den Fugen geraten ist. Beide wurden vom Justizsystem im Stich gelassen. Männer, die ihr Leben zerstört haben, laufen frei herum, während sie selbst mit den Folgen leben müssen. Aus Wut, Ohnmacht und Verzweiflung entsteht eine verstörende Idee, ein sogenannter Mördertausch. Jede soll das Problem der anderen lösen, ohne offensichtliches Motiv, ohne erkennbare Verbindung und damit auch ohne Verdacht.
Die Grundidee erinnert zwangsläufig an „Zwei Fremde im Zug“ von Patricia Highsmith beziehungsweise an die berühmte Verfilmung von Alfred Hitchcock. Ich war daher zunächst skeptisch, ob sich aus dieser bekannten Prämisse wirklich noch etwas Eigenständiges entwickeln lässt. Doch Cavanagh verleiht dem Stoff einen modernen, psychologischen Dreh und erweitert die Ausgangssituation um zusätzliche Ebenen, die der Geschichte eine ganz eigene Dynamik geben.
Besonders intensiv begleiten wir Amanda, deren Perspektive gefühlt den größten Raum einnimmt. Wir erfahren, wie sie an diesen Punkt in ihrem Leben gekommen ist, wie sehr sie das Erlebte geprägt hat und wie sich ihre Gedanken Schritt für Schritt verändern. Auch die zweite Frau ist vielschichtig gezeichnet. Beide sind keine eindimensionalen Rächerinnen, sondern werden und als komplexe Figuren gezeichnet, die zwischen Moral, Verzweiflung und Selbstrechtfertigung schwanken. Ergänzt wird das Ganze durch weitere Perspektiven, unter anderem durch Kapitel aus Sicht eines Ermittlers. Diese Einschübe bringen zusätzliche Spannung und beleuchten die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel. Darüber hinaus gibt es eine zunächst rätselhafte Perspektive, die sich anfangs nicht eindeutig zuordnen lässt und erst im Verlauf der Handlung ihre Bedeutung entfaltet. Gerade dieses erzählerische Puzzlestück sorgt für anhaltende Neugier und steigert die Spannung spürbar.
Die Story beginnt vergleichsweise ruhig mit der Einführung der Figuren und ihrer Hintergründe. Wir sehen, wie das Leben ihnen übel mitgespielt hat und wie sehr sie unter dem Gefühl leiden, keine Gerechtigkeit erfahren zu haben. Erst danach nimmt die Idee des Mördertausches konkrete Form an und von da an zieht das Tempo deutlich an. Cavanagh versteht es, Spannung kontinuierlich aufzubauen und die Leserinnen immer wieder auf falsche Fährten zu locken. Wie von ihm gewohnt laufen am Ende alle Fäden sauber zusammen. Nichts wirkt zufällig, nichts bleibt unbeantwortet. Auch wenn ich persönlich mit einzelnen Nuancen der Auflösung nicht vollkommen glücklich war, ist das letztlich Geschmackssache und ändert nichts daran, dass die Konstruktion insgesamt sehr stimmig ist.
Thematisch hat mich das Buch ebenfalls beschäftigt. Die Frage, was passiert, wenn das Justizsystem versagt und Menschen das Gefühl haben, allein gelassen worden zu sein, ist beklemmend und geht unter die Haut. Man möchte sich kaum ausmalen, wie man selbst in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Genau diese moralische Grauzone macht den Thriller so intensiv.
Mit „Kill for Me“ beweist der Autor einmal mehr, dass er weit mehr kann als nur rasante Justizthriller. Cavanagh ist ist mir bereits bekannt durch seine Reihe um den Anwalt Eddie Flynn. Diese Bücher stehen für hohes Tempo, clevere Konstruktionen, überraschende Wendungen und einen wunderbar trockenen Humor. Ich persönlich liebe die Reihe sehr und umso gespannter war ich auf diesen eigenständigen Thriller. Meine Erwartungen waren hoch und ich wurde nicht enttäuscht.
Unterm Strich ist „Kill for Me“ ein spannender, emotionaler und klug konstruierter Thriller, der zeigt, dass Steve Cavanagh auch tiefgründige, psychologisch dichte Stoffe beherrscht. Für mich ist er längst ein Autor, zu dem ich blind greifen kann, weil er mich bisher noch nie enttäuscht hat.
![]()